Lange vorbei sind Analysen, die zu dem Ergebnis kommen, dass Europa die Zukunft gehöre, und dass der „alte“ Kontinent – und nicht etwa die USA - Vorbild im Sinne einer vorbilhaften Entwicklung der nördlichen Wohlstandsnationen sei. Ebenso lange vorbei ist auch der Jubel über den Euro als eine Erfolgsgeschichte. Diese Ansichten kommen einem im fünften Jahr der Krise eher wie ein Alptraum vor, so Gregor Peter Schmitz, EU-Korrespondent des Spiegel in Brüssel. Reden wir heute über Europa, dann wohl eher über den Abstieg des Kontinents. Schmitz hält fest, dass bereits heute andere Weltregionen im Vergleich zu Europa zwei Drittel des globalen Wachstums erwirtschaften. Einst stammte die Hälfte der weltweit produzierten Güter aus Europa, heute sind es weniger als ein Fünftel, und 2030, so eine Prognose, wird es kaum noch ein Zehntel sein. „In nur 25 Jahren wird kein einziges europäisches Land mehr zu den Global Playern zählen.“ (S. 157) Bei den Wahlen zum Europäischen Parlament wird nach George Soros, dem Interviewpartner des Autors, „den Euro-Skeptikern und den antieuropäischen Parteien aus Griechenland, Spanien, Großbritannien, Belgien, Frankreich oder eben Deutschland ein Stimmenanteil von insgesamt 30 Prozent vorhergesagt“ (S. 11). Ganz so schlimm wie prognostiziert ist es nicht gekommen, überaus bedenkliche Entwicklungen in Dänemark, Frankreich und Großbritannien sind mit Sorge zu beobachten.

Mehr Europa erwünscht

In den Gesprächen mit George Soros, dem Spekulanten, Wohltäter, Milliardär und leidenschaftlichem Europäer, wie er sich selber charakterisiert, werden vier zentrale Fragen verhandelt, die Europa im Kern berühren. Zunächst geht es darum, ob der Zusammenhalt des Kontinents auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten bestehen bleibt oder ein Rückfall in nationale Egoismen drohe. Eine wichtige Frage ist auch, ob die Euro-Krise als Staatsversagen und Verschwendung verstanden werden kann oder eher als Strukturfehler einer Währungsunion, die nicht zugleich auch politische Union ist. Erst wenn darüber Einigkeit herrsche, könnten Weg aus der Krise gefunden werden, meint Soros. Weiters geht es um das Verhältnis von Politik und Markt und um die Frage nach den Strukturschwächen des Systems und darum, ob die Spekulationen früher eingedämmt werden hätten können. Und schließlich wird versucht zu klären, ob die „Politik der kleinen Schritte“ nicht durch den „Philadelphia-Moment“, also den Schritt zu einer echten politischen Union, wie ihn die ersten Kolonien in den Vereinigten Staaten von Amerika nach ihrer Unabhängigkeitserklärung vollzogen haben, abgelöst werden soll. Soros meint, dass zwei Lösungsansätze besser wären als der Status quo, denn der „einzige echte Fehler ist, einfach weiterzumachen, obwohl man genau weiß, dass man einen Fehler begeht“ (S. 116). Deutschland müsse seine Dominanz und die Verantwortung, die damit einhergeht, akzeptieren und „ein wohlwollender, ein großzügiger Hegemon werden, so wie die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Alternative wäre, dass Deutschland den anderen Staaten die Abnabelung erlaubt, indem es die Euro-Zone verlässt. Das wäre ein großer Schock für Deutschland, aber eine große Erleichterung für den Rest des Kontinents.“ (S. 71)

Für besorgniserregend hält (nicht nur) Soros die Renationalisierung Europas (vgl. S. 105), und er fordert als offenen Widerstand gegen diese Tendenz eine „Pro-Europa-Bewegung der Bürger“ (S. 190). Diesen Appell sieht er als Vermächtnis und Auftrag an die jungen Europäer. Alfred Auer

 

George Soros im Gespräch mit Gregor Peter Schmitz. Wetten auf Europa. Warum Deutschland den Euro retten muss, um sich selbst zu retten. München: Dt. Verl.-Anst., 2014. 192 S., € 20,60 ; ISBN 978-3-421-04632-1

 

ZITAT „Ich mache mir große Sorgen, dass die aktuelle Krise anti-europäische Tendenzen nährt, und die sind nun mal in aller Regel nationalistisch, fremdenfeindlich und antisemitisch.“ (S. 115)