Deutschland wird seit der Schuldenkrise in Europa v. a. bei den südlichen Nachbarn immer unbeliebter. Angelo Bolaffi; Politologe, Philosoph und obendrein profunder Kenner Deutschlands, sieht das anders. Er plädiert wie George Soros dafür, dass die Deutschen mehr Verantwortung in Europa übernehmen und ihre Stärke noch ausbauen sollten. Diese Führungsrolle, „eine Aufgabe, die Klugheit und Weitsicht verlangt, nimmt ihre Rolle nicht dadurch wahr, „dass sie anordnet oder kommandiert, sondern sie lebt davon, dass sie den Konsens der anderen organisiert“ (S. 242).

Der EURO ist schuld

Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die europäische Währung maßgeblich zu der Krise beigetragen habe. Der Euro sollte den Weg ebnen für ein friedliches und geeintes Europa. Stattdessen hat er die Völker gegeneinander aufgehetzt, „brachte dabei alte Identitätskonflikte und Befindlichkeiten zum Vorschein und ließ neue Ressentiments entstehen“ (S. 55), so Bolaffi. Was war passiert?

Anstatt eine Annäherung der Wirtschafts- und Finanzpolitik der einzelnen europäischen Staaten anzustreben, „um dann als Krönung dieses Prozesses die gemeinsame Währung einzuführen“, wurde die Währungsunion verordnet. (S. 59) Wesentlich klüger wäre es gewesen, zunächst eine politische Föderation Europas zu errichten, anstatt vorher eine „Währung ohne Souverän“ zu schaffen. (S. 60) Verantwortlich für diesen „Gründungsfehler“ sei aber nicht Deutschland, sondern Frankreich, das zu einer echten politischen Union nicht bereit gewesen sei.

Letztlich habe die Geschichte die ehemalige Europäische Wirtschaftsgemeinschaft zu einem Wandlungsprozess genötigt. Bolaffi argumentiert entschlossen für „mehr“ Europa. Der Kontinent müsse ökonomisch nachhaltiger und sozial gerechter werde, anhaltender Wirtschaftsaufschwung könne dafür ein solides Fundament bilden ( vgl. S. 241f.) Europa bleibe – so das Fazit – keine Alternative als der Schritt zur politischen Union. Deutschland müsse in diesem Prozess seine Rolle als Promotor neu definieren. Alfred Auer

 

Bolaffi, Angelo: Deutsches Herz. Das Modell Deutschland und die europäische Krise. Stuttgart: Klett-Cotta, 2014. 287 S., € 21,95 [D] ; ISBN 978-3-608-94885-1