Susanne Pernicka wem gehören die GeneVieles spricht dafür, dass das Geschäft mit dem Leben zur treibenden Kraft für ein „nachfordisches Akkummulationsregime“ im 21. Jahrhundert wird. Im Für und Wider um die Privatisierung und Kommerzialisierung der Gene von Pflanze, Tier und Mensch haben, wie es scheint – zumindest fürs erste – die Verfechter des Marktes den Sieg davon getragen. Dem profitorientierten Zugriff auf das Leben sind zumindest nach Auffassung des Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten keine Grenzen gesetzt, hält er doch „alles unter der Sonne, was von Menschenhand geschaffen ist“ (vgl. S. 57) für patentierbar. Auch wenn die europäische Rechtsauffassung in diesem Punkt bei weitem komplexer ist, so zeigt die hier vorgelegte Arbeit doch auf, wie auch in der EU mit der Verabschiedung der „Richtlinie über den rechtlichen Schutz biotechnologischer Erfindungen“ – in Kraft getreten am 30. Juli 1998, und in der Folge in den Parlamenten der Mitgliedsstaaten zur Entscheidung anstehend  – das Tor zu so gut wie unbeschränkter Manipulation der Natur weit geöffnet wurde.

Die Autorin zeichnet die dahinter liegende Entwicklung in drei Schritten nach. Auf die von Michel Aglietta entwickelte „Regulationstheorie“ zurückgreifend, stellt sie eingangs die Ausweitung der Eigentumsrechte auf Gene als Ergebnis eines ökonomisch–sozialen Prozesses dar, der die „innere Landnahme“ vollzieht, indem „zum ersten Mal lebende Organismen, Zellen und Gene zu einer menschlichen Erfindung und damit zu geistigem Eigentum werden, obgleich „die einzige schöpferische Leistung des Erfinders zumeist darin besteht, deren wirtschaftliche Anwendungsmöglichkeit zu definieren (S. 56f.). Im folgenden werden wirtschaftliche und rechtliche Faktoren für eine Legitimierung von Patenten auf Gene erörtert, wobei die verschiedenen Motive für die Herausbildung von Patenten – im juristischen Sinne sind es Monopole   vorgestellt werden und u. a. auf den Unterschied von Entdeckung und Erfindung eingegangen wird. Patentierbar, so führt Pernicka aus, ist eine Erfindung nur dann, wenn sie „neu“ ist, auf einer „erfinderischen Tätigkeit“ beruht und gewerblich anwendbar ist.

Auf Grundlage der von Paul A. Sabatier entwickelten „Advocacy-Coalition Framework“-Methode schildert die Autorin, über deren biografisch-beruflichen Hintergrund man leider ebenso wenig erfährt wie über den Anlass zu dieser Arbeit, schließlich detailreich den Verlauf der Entstehung der Europäischen Richtlinie über den rechtlichen Schutz biotechnologischer Erfindungen im Verlauf der Jahre 1988-1998. Dabei werden einerseits die Durchsetzung ökonomischer Interessen, aber zugleich auch die unterschiedlichen Interessenlagen innerhalb der EU-Gremien sowie die wachsende Bedeutung des EU–Parlaments deutlich. Insgesamt eine überzeugende und differenzierte Darstellung, der breite Aufmerksamkeit zu wünschen ist. W. Sp.

Bei Amazon kaufenPernicka, Susanne: Wem gehören die Gene? Patente auf Leben für ein neues Wachstumsregime. Hamburg: Argument–Verl.,, 2001. 188 S. (Argument Sonderband, Neue Folge; 285) € 17,90 / DM / sFr 34,90 / öS 480,20