Viele Chronisten der Gegenwart veranlasst die Analyse der aktuellen wie die Diagnose der zukünftigen Weltverhältnisse zu negativen Bestandsaufnahmen und Erwartungen: von der Auflösung des Ichs, vom Verlust der Wahrheit, dem Zerbrechen der Identität oder vom „Ende der großen Erzählungen“ ist die Rede. Zugegeben, die Moderne ist schwierig, unübersichtlich und hochkomplex. Einige sprechen von der „Hyperkomplexität der Weltgesellschaft“. Um sich darin zurecht zu finden, ist ein Denken alten Stils unbrauchbar geworden.

Der jahrelang verkündete Paradigmenwechsel ist zum „Normalfall“ geworden, meint Andreas Huber, der im vorliegenden Essay deshalb ein „Denken-in-Metaphern“ in Zeiten für zweckmäßig hält, in der „Komplexitätskompetenz“ gefordert ist. Metaphern verbinden, schaffen neue Perspektiven und Horizonte für das Denken, wie für das Handeln. Erst mit ihnen „können wir uns neue Bereiche denkend erschließen, komplexe Phänomene verständlich machen und uns über den zukünftigen Gang der Dinge ein Bild machen“ (S. 14).

Es muss uns also gelingen, so der Publizist, Berater und Trainer, metaphorische Vielfalt zu kultivieren und das „metaphorische Bewusstsein kritisch zu reflektieren, zu schärfen und zu erweitern“ (S. 15). Er zeigt schließlich anhand verschiedener Bereiche (u. a. globale Netzwerke, Wissen, Systemkompetenz, New Work, Kommunikation und Bildung), wie diese nur in Dimensionen des Komplexen – im Sinne des metaphorischen Denkens - verstanden werden können. An den genannten Beispielen wird deutlich, wie stark die Metaphorik bereits das alltägliche Handeln beeinflusst. „Metaphern wirken demnach in Gesellschaft oder Wissenschaft orientierend-welterschließend, erfüllen zentrale kommunikative Funktionen und sind für das Denken von kreativ-kognitiver Bedeutung.“ (S. 59)

Der Autor unterscheidet im wesentlichen zwei grundverschiedene Metaphernkonzepte: die Substitutionstionstheorie (repräsentiert etwa von Foucault oder Hobbes) lehnt poetische, bildhafte, rhetorische Sprachmittel ab, und Interaktionstheorie, der zu Folge Metaphern ihren Gegenstand konstituieren: Ob Sprachspiele (Wittgenstein), therapeutische Beziehungen in der Wirtschaft (Mobilitätsmetapher) oder in Beziehungssystemen   metaphorische Denk- und Sprachbilder bestimmen unser Leben. „Metaphern sind im besten Sinne dialektische Denkwerkzeuge, die das Sowohl-als-Auch des Rationalen und des Imaginären, das Komplexe, Paradoxe und Widersprüchliche im Kleinen wie im Großen zusammenbringen können.“ (S. 135)

Mit seiner kurzweiligen, interessanten Darstellung bringt uns der Autor die lebensorientierende, existentielle Geistesmacht der Metaphern durchaus gewinnbringend näher. Was bleibt für uns zu tun: „Da wir unsere existentiellen Daseinsmetaphern selbst schaffen, wählen und erleben, sollten wir uns kulturell wie individuell vergewissern, welche daseinsmetaphorischen ‚Geflechte’ unserem Denken und Handeln zugrunde liegen.“ (S. 148) A. A.

Huber, Andreas: Weichenstellung. Komplexität und metaphorisches Denken im 21. Jahrhundert. Ein Essay. Frankfurt/M. (u. a.) Büchergilde Gutenberg, 2001. 159 S., DM 32,- / sFr 29,50 / öS 234,-