Sikoras „Vision einer Tätigkeitsgesellschaft“ (s. Pro Zukunft 4/99, Nr. 402) folgt nun die „Vision einer Gemeinwohl-Ökonomie“. Der Leiter des Katholisch Sozialen Instituts der Erzdiözese Köln beschreibt zunächst die Trends des gegenwärtigen Kasino-Kapitalismus, das Shareholder Value-Denken und – mit guten Fakten belegt – den aktuellen „Börsenschwindel“. Er kritisiert die Reduzierung des Lebens auf das Geld („Geld mutiert zum Lebensinhalt. Arbeit degradiert zum Job“, S. 56), den schleichenden Wertewandel in der Gesellschaft („An der Börse zu spekulieren und dabei Millionen DM Einkommen zu erzielen, wird als sinnvollere Tätigkeit betrachtet als handwerklich zu arbeiten, Jugendliche zu lehren oder Kranke zu pflegen“, ebd.) sowie den Starkult um die Reichen, aber auch die üppigen Gehälter, Pensionen und „Nebenverdienste“ vieler PolitikerInnen. Sarkastisch schildert der Autor die Inszenierung des Börsenkults: „Das zelebrierte Dow-Jones- und Dax-Ritual, allermeist widerwillig als Beilage zu den Abendnachrichten zur Kenntnis genommen, hat praktisch nur eine Funktion: Führerschaft und Machtstellung des Geldes und dessen Vermehrung tagtäglich in das Bewusstsein der Bevölkerung zu hämmern“ (S. 62). Im Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen“, bekannt seit den Anfängen der 80er Jahre – er gehört nun aber auch zum Schröder-Programm – sieht er den „Startschuss zur Raffgesellschaft“.

All dem stellt Sikora eine Gemeinwohl-Ökonomie entgegen, einen Non Profit-Bereich, der neben gemeinwirtschaftlich organisierten, aber staatlich finanzierten sozialen Diensten, auch neue Formen der BürgerInnenarbeit, Nachbarschaftshilfe und geldlose Tauschvereinigungen umfassen soll. In letztere setzt der Volkswirtschaftler große Hoffnungen hinsichtlich der Belebung lokaler Ökonomien und neuer sozialer Netze. Nach Schätzungen gibt es derzeit weltweit bereits an die 1900 solcher Komplementär-Währungssysteme, die ergänzend zum Geldwährungssystem funktionieren. Sikora plädiert aber auch für den Aufbau eines unabhängigen Banken- und Kreditsystems – analog den Grameenbanken.

Beispiele solcher Alternativwährungen in der BRD beschreibt Günter Hoffmann (von ihm stammt die kritisch-wohlwollende Reportage „Tausche Marmelade gegen Steuererklärung“, 1998) im zweiten Teil des Buches. Er schildert darin u.a. auch erste Beispiele des Engagements von Kommunen in solchen Tauschringen (Baden-Baden, Witten) sowie Senioren-Projekte, in denen ältere Menschen gegen „Zeitpunkte“ sinnvolle Tätigkeiten verrichten. Für Hoffmann sind Tauschringe kein „Projekt für Modernisierungsverlierer“ oder gar eine Variante der „Elendsökonomie“, sondern „eine praktische Kritik an einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, die einen Teil ihrer Bürger daran hindert, ihre Fähigkeiten nutzbringend für sich und andere einzubringen.“ (S. 145). Er hebt den sozialen und kommunikativen Wert dieser Initiativen hervor und grenzt sie strikt ab von Vorschlägen staatlich verordneter Bürgerarbeit oder Ideen, Tauschringe zum Vorwand für die Kürzung staatlicher Sozialleistungen zu missbrauchen. Das Ziel sei eine „Kultur der Kreativität“, ein „öffentlicher Raum, in dem experimentelle Vielfalt möglich wird.“ (S. 157). Dass hier beileibe noch nicht alle Potenziale ausgeschöpft sind, macht der vorliegende Band deutlich. H. H.

Bei Amazon kaufenSikora, Joachim; Hoffmann, Günter: Vision einer Gemeinwohl-Ökonomie. Auf der Grundlage einer komplementären Zeit-Währung. Bonn: Kath.-Soziales Inst., 2001.173 S., DM 20,- / sFr 19,- / öS 146,-