Die aktuellen Ereignisse – von BSE-Krise über Medikamentenmissbrauch in der Schweinemast bis hin zur MKS – verhelfen dem Vegetarismus gegenwärtig zu ungeahnter Popularität. Und trotzdem ist der Verzicht auf Fleischkonsum nicht erst eine Bewegung der Gegenwart. Es gab zu allen Zeiten Menschen, die aus unterschiedlichen Motiven auf Fleisch verzichtet haben. Der vorliegende Band dokumentiert die Vorträge des Kongresses „Vegetarisch in das neue Jahrtausend“ des „Vegetarier-Bunds Deutschland“ im Juni 2000 in Hannover. Thematisiert wird das Phänomen Vegetarismus von der Antike bis zur Gegenwart und dessen moralische und gesundheitliche Argumente.

Urs Dierauer zeigt, dass Ansätze der aktuellen Diskussion um die moralische Berücksichtigung von Tieren bereits in der Antike (mit einem Ausblick aufs Alte Testament und frühe Christentum) etwa bei Pythagoras, der das Töten und Essen von Tieren mit Bezug auf religiös-moralische Motive verbietet, zu finden sind. Der historische Rückblick liefert u. a. auch die Argumente Plutarchs für Vegetarismus und Tierschonung und beschreibt seine erste Blütezeit im Verlaufe des 19. Jahrhunderts (Hans W. Ingensiep). Insgesamt wird deutlich, dass es nicht nur um die menschliche Gesundheit geht, sondern auch um die Frage des angemessenen Umgangs mit Tieren.

Judith Baumgartner belegt am Beispiel Leonhard Nelsons, dem Begründer des Internationalen Sozialistischen Komitees eine „Partei der Vernunft“, die sich an Immanuel Kant orientierte und als eine ihrer Pflichten den Verzicht auf den Genuss von Fleisch in ihrem Programm hat. Nelson hat einen sowohl gesundheitlich als auch ethisch begründeten Vegetarismus vertreten. Zukunftsfähige Ernährung mit dem Anspruch auf Nachhaltigkeit im Sinne des Programms „Agenda 21“, das die größten Möglichkeiten zur Minimierung von ökologischen Risiken im Ernährungssystem in einer deutlichen Reduzierung des Anteils tierischer Lebensmittel sieht, ist der Ernährungswissenschaftlerin jedoch zu anthropozentrisch. Sie fordert vielmehr die Berücksichtigung von Gesundheit und Lebensqualität für alle Lebewesen. Deshalb müsse zukunftsfähige Ernährung so ganzheitlich und umfassend sein, „dass sie auch und gerade das ethische Moment aufgreift und gleichberechtigt neben die erwähnten Forderungen (der Nachhaltigkeit) stellt. Diesem Anspruch versucht die ebenfalls abgedruckte „Hannoveraner Erklärung gegen die Ausbeutung der Tiere in der Lebensmittelproduktion – für einen zukunftsfähigen Lebens- und Ernährungsstil“ Rechnung zu tragen.

„Die vegetarische Ernährung auf dem Weg ins 21. Jahrhundert“ war schließlich auch Schwerpunkt einer Podiumsdiskussion, bei der mehrheitlich zum Ausdruck gebracht wurde: Am besten vegetarisch in die Zukunft und wenn schon nicht ganz fleischfrei, dann wenigstens fleischarm. A. A.

Bei Amazon kaufenVegetarismus. Zur Geschichte und Zukunft einer Lebensweise. Hrsg. v. Manuela Linnemann ... Erlangen: H. Fischer, 2001. 166 S. (Tierrechte – Menschenpflichten; 4) DM 32,- / sFr 29,50 / öS 234,-