Die Zukunft der Städte hängt wesentlich von der ökonomischen und bevölkerungsbezogenen Gesamtentwicklung einer Gesellschaft ab. Generell lässt sich kein einheitlicher Trend feststellen. Wachsenden Boomregionen und Metropolen stehen schrumpfende Städte sowie Stadtteile mit starker sozialer Fragmentierung gegenüber. Der vorliegende Band „Urbanität neu planen“ stellt sich der Vielfalt der Zukunftsherausforderungen für Städte – von der Finanzkrise vieler Kommunen über den Umgang mit dem demografischen Wandel und dem neuen Trend zu einer Re-Urbanisierung in Wachstumszentren bis hin zu den massiven sozialen Integrationsproblemen von Megastädten in Ländern des Südens.

 

Während manche Probleme speziell die bundesdeutsche Situation betreffen, sind andere wohl für alle Städte der spätindustriellen Gesellschaften von Belang. Etwa der zunehmende Anteil von Zuwanderern mit all seinen Herausforderungen an eine gelingende Integration oder die begrenzte Wirkung der Abzahlung von Schulden durch Veräußerung von kommunalen Liegenschaften und Einrichtungen. „Da die Einnahmen aus Verkaufserlösen einmalig auftreten und Vermögen endlich ist, sind nachhaltige Effekte, die zur Gesundung Not leidender Kommunalhaushalte führen können, davon nicht zu erwarten“, so Klaus Jungfer über die Finanzkrise der Städte (S. 52).

 

Näher eingegangen sei auf eine Zukunftshoffnung für eine Gesundung der Städte, nämlich das stärkere Ausschöpfen der sozialen Potenziale der StadtbewohnerInnen, sei es über freiwilliges Engagement oder über innovative soziale Experimente. So spricht Ulla-Kristina Schuleri-Hartje vom Deutschen Institut für Urbanistik in ihrem Beitrag über „Soziale Segregation – Integrationsort Stadt“ nicht nur von der materiellen, sondern auch von der „sozialen Ausstattung“ von Stadtteilen. In Entwicklungskonzepten für benachteiligte Stadtteile wird – so eine zitierte Untersuchung des DIFU – nach dem Potenzial des modernisierungsfähigen Wohnbestands gleich an zweiter Stelle die „Mitwirkungsbereitschaft der Bewohner/innen“ genannt. Als nächstfolgende Kriterien für Zukunftsstrategien gelten der Studie gemäß die „Wohnumfeldqualität“, die „Kooperationsbereitschaft von Schulen im Stadtteil“(!) sowie die „Lage bzw. Erreichbarkeit des Stadtteils“ (zit. S. 133).

 

Peter Guggenmoos, Geschäftsführer der städtischen Beteiligungsgesellschaft Augsburg Integration Plus GmbH, beschreibt in seinem Beitrag „Bürgerschaftliches Engagement, Selbstorganisation und Selbsthilfe“ die Anforderungen an moderne Freiwilligenarbeit, in die das traditionelle Ehrenamt behutsam integriert werden müsse, um bisher unausgeschöpfte Potenziale zu erschließen. Notwendig hierfür seien Freiwilligenagenturen und –zentren, die mittlerweile in vielen (deutschen) Städten existieren.

 

 

 

Förderung freiwilligen Engagements

 

„Anerkennungskultur“ für Freiwilligenarbeit dürfe sich nicht mehr, so Guggenmoos, auf „Klassiker“ wie Urkunden, Orden und Geschenkkörbe beschränken, Fortbildungsangebote sowie Zertifikate (die beruflich weiterhelfen können) würden an Bedeutung gewinnen. Im Augsburger Projekt „Schwungfeder“ – so ein dargestelltes Beispiel – erhalten Menschen in Übergangsphasen etwa nach dem Auszug des letzten Kindes oder nach Verrentung eine Art Ausbildung für freiwilliges Engagement. Notwendig sei auch eine offene Darlegung gegenseitiger Erwartungen: Während Kommunen Menschen suchen, die „bei der Bewältigung derjenigen Aufgaben helfen, für deren Lösung Geld und Personal fehlt“ (S. 155), möchten BürgerInnen auch ihre Ideen für die Stadt einbringen. Doch: „Wo der Bürger meint, lohnenswerte Alternativkonzepte zu städtischen Planungen vorzulegen, sieht sich der Planer möglicherweise in seinem Amtsfrieden gestört, wittert Mehrarbeit und Verzögerungen.“ (ebd.) So sei es auch kein Geheimnis, dass Agenda 21-Prozesse in einer Weise gesteuert werden können, „dass für kritische Bürger eine durch Räume und Budgets subventionierte, aber letztlich belanglose Spielwiese für Gutmenschen entsteht, während nebenan die tatsächlich wichtigen Entscheidungen getroffen werden.“ (ebd.)

 

Freiwilliges Engagement zu fördern sei, so der Autor zusammenfassend, jedoch in jedem Fall ein Gebot der Klugheit, da neben dem Output, also dem Nutzen für andere, immer auch die „Binnenwirkung“, also der Nutzen für die Freiwilligen selbst zu sehen sei. Freiwilligenarbeit dürfe die Aufgaben des Staates nicht ersetzen, könne diese aber ergänzen und so auch zur „präventiven Sozialarbeit“ werden.

 

Auch der Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski sieht die Zukunft der Stadt – wie jene der (post)modernen Gesellschaft – in der Stärkung der Zivilgesellschaft. Stadtplanung müsse sich neuen Wohn- und Lebensbedürfnissen öffnen und entsprechende Angebote zum Selbermachen unterbreiten. Nachbarschaftshilfen würden wieder an Bedeutung gewinnen, mehr Generationen unter einem Dach nach dem Prinzip „Wohnen mit Wahlfamilien“ eine Renaissance erleben. Zudem werde der Wunsch nach „Altwerden mit Familie und Freunden statt Einweisung ins Heim“ ganz wichtig, worauf die Planung von Senioreneinrichtungen abstellen müsse. Wohnanlagen würden demnach in Zukunft mehr als über die Hardware der Bauten über „Service, Beratung und Betreuung sowie über Identifikation, Image und Interessensprofil verkauft“ (S. 224).

 

Die Beiträge des Bandes enthalten viel Bedenkenswertes für (partizipative) Stadtplanung und Politik und sind durchaus über Deutschland hinaus von Interesse. H. H.

 

Urbanität neu planen. Stadtplanung, Stadtumbau, Stadtentwicklung. Hrsg. v. Siegfried Frech ... Schwalbach: Wochenschau-Verl., 2010. 254 S., € 17,30 [D], 17,80, sFr 29,40;  ISBN 978-3-89974484-2