Nicht nur in die Psyche der Menschen aufgrund von Beschleunigung und Stress, sondern auf  die Wachstums- und Größenfallen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft insgesamt blickt der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel in seinem neuen Buch „Hybris“. Es trägt den Untertitel „Die überforderte Gesellschaft“. Der Überforderungen sieht der Leiter des „Denkwerks Zukunft“ genug: von gestressten Arbeitnehmern und Unternehmern über hochverschuldete Staaten bis hin zur ausgepressten Natur. Nach Miegel erleben wir derzeit nicht eine Krise des Kapitalismus, sondern vielmehr eine „Krise der westlichen Kultur“, der Kapitalismus sei nur eine Erscheinungsform dieser umfassenderen Krise. Untermauert mit Fakten, aber nicht verlegen um starke Ansagen und pointierte Zuspitzungen, unterzieht der Autor eine Vielzahl von gesellschaftlichen Bereichen seiner Analyse: von gigantomanischer Bauwut über eine überbordende Mobilität bis hin zum modernen Körperkult, von der auf ökonomische Verwertbarkeit reduzierten Bildung über die Verarmung der Arbeitswelt bis hin zum „überforderten Gluckenstaat“.

Einen eigenen mit „Himmel auf Erden“ überschriebenen Abschnitt widmet der Autor den mentalen Prägungen durch die Ideologien von Fortschritt und Wachstum. Dem modernen, namentlich dem abendländischen Menschen, sei das „Vorwärtsstreben, Ziele verfolgen, Grenzen durchbrechen“ so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er dies „nicht nur für einen kulturell bedingten Habitus, sondern für die Natur des Menschen schlechthin“ halte (S. 161f). Selbstverständlich widmet sich Miegel dem Thema seines letzten Buches „Exit“ auch hier, der Frage nach dem Wachstum. „Die Völker der frühindustrialisierten Länder konsumieren nur nicht zu viel“, so der Autor, „sie produzieren auch zu viel, jedenfalls mehr, als die Erde schadlos ertragen kann“ (S. 169). Dies führe das Wachstumsdenken ad absurdum. Eine halbwegs rationale Wachstumsdebatte würde deshalb nicht die Frage in den Mittelpunkt stellen, „wozu Wachstum gut ist, sondern ab wann es schlecht ist“ (S. 170) Die „Wachstumsmessen“, die tagtäglich in Brüssel und vielen anderen Orten gelesen würden, seien daher gespenstisch, „spiritistische Séancen, in denen Geister beschworen werden“ (S. 173).

Man muss Miegel nicht in allem folgen, aber er trifft in vielem die (kulturellen) Fallen unseres Fortschrittsdenkens und stellt sich damit bewusst gegen andere scheinbar konservative Denker wie Thilo Sarrazin oder den Journalisten Christian Ortner, der von manchen als „österreichischer Sarrazin“ bezeichnet wird und dessen Buch „Hört auf zu weinen“ hier nur erwähnt sei: der Tenor gilt dabei vielmehr der Klage über den (Leistungs-)Verfall Europas und der Paranoia vom Überholt-Werden durch die Aufsteigermächte wie China oder Indien. Miegel geht tiefer. Er setzt auf einen geistigen Wandel, eine Kultur, „die nicht auf Hybris, sondern auf Lebensformen gründet, die dem Menschen gemäß sind“ (S. 17).

Hans Holzinger

Miegel, Meinhard: Hybris. Die überforderte Gesellschaft. Berlin: Propyläen, 2014.313 S. € 22,90 [D], 23,70 [A], sFr 28,00 ISBN 978-3-549-07448-0

 

„Die gegenwärtige Krise wurzelt nicht in einem Zuwenig, sondern in einem Zuviel: zu viel Güterproduktion, noch immer auch zu viel Erwerbsarbeit, viel zu viel Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung und nicht zuletzt zu viel Beanspruchung von Mensch und Gesellschaft.“ (M. Miegel, S. 252)