Während in der hierarchischen Gesellschaft des angehenden 20. Jahrhunderts die Neurose als wichtigste psychische Erkrankung galt, ist diese im angehenden 21. Jahrhundert durch die Depression abgelöst worden, so der französische Psychoanalytiker Alain Ehrenberg in „Das erschöpfte Selbst“. Sein deutscher Kollege Stephan Grünewald spricht nun von der „erschöpften Gesellschaft“ und von einem neuen „Leistungsdiktat“. Der frühere „Werkstolz“ sei durch einen „Erschöpfungsstolz“ abgelöst worden. Die Frage, ob unser Tag erfolgreich, befriedigend oder erfüllend war, mache sich nicht mehr an der Qualität der geleisteten Arbeit fest, sondern am Ausmaß unseres eigenen Ausgelaugt- und Gestresst-Seins. So tobe in vielen Unternehmen eine „Erschöpfungskonkurrenz“. Für Grünewald wird der Begriff ›Burnout‹ daher gerne verwendet, er habe den „Nimbus einer Tapferkeitsmedaille“, während die Diagnose ›Depression‹ mit einem Mangelzustand der Niedergeschlagenheit etikettiert sei. Nichts desto trotz sieht auch er  – wie Ehrenberg – in diesen Erschöpfungszuständen ein Warnsignal dafür, dass immer mehr Menschen den inneren Kompass und das Gespür für sich selbst verloren haben. Laut einem vom Autor zitierten Spiegel-Report klagt jeder zweite Deutsche über Schlafprobleme, jeder siebte hat schon Schlaftabletten geschluckt, jeder zehnte leidet an einer krankhaften Schlafstörung. Die Flucht in die „Überbetriebsamkeit“ führe nun dazu, dass wir aufhörten zu träumen, so Grünewald. Doch eine Gesellschaft, in der nicht mehr geträumt wird, verliere die Kraft für Neues. Grünewald fasst im ersten Kapitel des Buches seine Befunde pointiert zusammen. Die weiteren Abschnitte dienen lediglich der empirischen Untermauerung mit Daten aus dem vom Autor geleiteten “Rheingold Institut“ für Kultur-, Markt- und Medienforschung. Hans Holzinger

Grünewald, Stephan: Die erschöpfte Gesellschaft. Warum Deutschland neu träumen muss. Frankfurt/M.: Campus, 2013. 187 S., € 19,99 [D], 20,60 [A], sFr 24,00 ISBN 978-3-593-39817-4

„Die Burnout-Konjunktur ist der letzte Hinweis darauf, dass viele Menschen blind geworden sind für ihre eigene Befindlichkeit. Sie nehmen subtile Warnsignale nicht mehr wahr, die ihn  Überforderung oder Erschöpfung anzeigen.“ (Grünewald, S 24)

„Unsere Gesellschaft leidet nicht an einem Schlafdefizit, sondern an einem Traummangel. Wenn wir vergessen zu träumen, dann verlernen wir auch zu schlafen.“ (S. Grünewald S. 28)