Es mag wenig überraschen, dass Matthias Horx als Magier selbstbeschwörender Zuversicht den gegenwärtig diskutierten Ursachen der weltweiten Rezession auch an dieser Stelle eine pauschale Absage erteilt. Weder der ‚Gier von Spekulanten’ noch der ‚Entfesselung der Marktkräfte’, sondern den Folgen eines unter Bill Clinton initiierten Sozialprogramms US-amerikanischen Zu-schnitts („Jedem Bürger sein Eigenheim“) schreibt er im einleitenden Kapitel des Trend-Reports 2009 die gegenwärtige Krise des Weltfinanzsystems zu. Und, wie immer getragen von unerbittlicher Zuversicht verweist er darauf, dass mit den aktuellen Turbulenzen (in deren Folge weltweit immerhin Tausende von Arbeitsplätzen verloren gingen und Schulden in schwindelerregender Höhe gemacht wurden) zugleich die Anzeichen einer neuen Weltordnung und eines neuen Wertesystems unter den Bedingungen des „sechsten Kondratieff“ sich ankündigen. Denn mit dem Ende des „Amerikanischen-Dominanz-Zeitalters“ stünden wir am Beginn einer multipolaren Weltordnung, erleben, dass „die Welt wieder runder wird“, die Ökonomie des Outsourcing an ihr Ende gerät und regionale Wirtschaftskreisläufe an Bedeutung gewinnen. Das und mehr berichtet der Autor unter dem einleitenden Kapitel „Soft-Kapitalismus“, in dem die Tourismus- und Medienbranche als große Verlierer der Krise ausgemacht werden, aber auch von der weiteren „Greenobalisierung“ der Welt die Rede ist. Im Kontext der aktuellen Wertediskussion würden Beratung, Bildung, Seelsorge und Gesundheit an Bedeutung gewinnen, diagnostiziert der Trendforscher. Die absehbare Stärke von Staat, Markt, Zivilgesellschaft und Individuen sieht Horx für die nahe Zukunft als gleichermaßen selbstverständlich wie konfliktfrei an (vgl. S. 2 26). „Humanomics“ als neue „Trust Economy“ verweise auf die Ablöse materieller Triebkräfte; an ihre Stelle würden Kooperation, Kreativität und ‚Selfness’ als Wertschöpfungspotenziale der wissensbasierten Dienstleistungsindustrie treten – eine hoffnungsvolle Perspektive, mit der uns das Zukunftsinstitut übrigens schon seit langem beglückt – und an deren Validität wir auch angesichts der globalen Krise grundsätzlich nicht zweifeln wollen. Die Heterogenität der denkbaren kurzfristigen Entwicklung könnte freilich größer kaum sein (und stellt die von Horx praktizierte Zuversicht doch auch in Frage, möchte man meinen). Denn wie selbst eine Online-Umfrage des Zukunftsinstituts belegt, halten mit Ende November 2008 nicht weniger als 2.800 Befragte vier durchaus divergierende Szenarien im Hinblick auf die globale Entwicklung bis zum Jahr 2013 für keineswegs ausgeschlossen [Prozentangaben in ()]:‚Selbstreinigung der Märkte’ (29%), ‚Soft-Sozialismus’ nach skandinavischem Vorbild (33%), ‚Globale Depression’ (12%), ‚Defizit-Desaster’ als Ausverkauf des Wohlstands (27%), was in Summe, nebenbei bemerkt, nicht weniger als 101% ergibt (vgl. S. 37).

 

Weitere erörterte Trends in Kürze: der Reiz der Unerreichbarkeit’ („Offline@Trend“) als Antwort auf die ‚24/7 Highspeed-Gesellschaft’; „Kreazipation“, die neue Form des Bürgerengagements in der Netzwerkgesellschaft (Mitgestaltung der eigenen Lebensbedingungen, wachsende Bedeutung von Eigeninitiative in kreativen Gruppen, Vereine, Genossenschaften und Stiftungen erfahren deutlichen Zuspruch [in Deutschland werden jede Woche ein bis zwei Schulen in privater Trägerschaft neu gegründet, S. 57]); „Bio-Yourself“, die Mikro-Ökologisierung des urbanen Lebensraums, sprießend aus Misstrauen gegenüber Massenproduktion und dem Bedürfnis nach Authentizität. Die Freude am Selber-Kochen und an Magazinen, die das Landleben preisen, sind weitere Indizien für diesen Trend. Auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar ist für mich, in welcher Form der ausgemachte „Biedermeier-Bolschewismus“ – „konservatives kleinbürgerliches Linksgefühl als poppiger Protest“ (S. 73ff.) – die Märkte beflügelt, doch immerhin: dem Vernehmen nach machen sich wohl situierte Eliten bereits ernsthaft Sorgen um die Zukunft des Landes (und das nicht nur in Deutschland); „Ich war dabei!“ verweist auf die Transformation der Spaßgesellschaft und das Interesse an „digitaler Selbstvermarktung“ (die Zahl verfügbarer Videoclips auf ‚Youtube’ ist allein im ersten Quartal des Jahres 2008 von 70 auf beinahe 80 Millionen angestiegen). Doch Vorsicht, geteilt wird keineswegs alles, wie der Boom der „Club Couture“ eindrucksvoll zeigt: Die, die es sich leisten können, bleiben gerne unter sich. ‚Smart exclusive’ heißt das hier und bedeutet etwa, für einen Luxusurlaub schon mal eine Grundgebühr von € 330.000,- und mehr zu berappen: doch damit ist’s nicht getan: auch exklusive Umweltzonen, in denen diejenigen, die es sich leisten können, die frische Luft des Reichtums genießen können (zugelassen sind nur Elektrofahrzeuge!) erinnern daran, dass die Zeit, als Stadtluft noch frei machte, längst hinter uns liegt; dem „Franchising“ sowie der „Uniquability“, womit die gleichfalls positiv akzentuierte Entwicklung vom Arbeitnehmer zum Selbst-Unternehmer gemeint ist, runden diesen Report ab. Was darüber hinaus an stilistischen Extravaganzen, kurzweilig beschwingter Rhetorik und solider grafischer Aufbereitung erwartet werden kann, darf als bekannt vorausgesetzt werden.

 

W. Sp.

 

Horx, Matthias: Trend-Report 2009. Soziokulturelle Schlüsseltrends für die Märkte von morgen. Hrsg. v. Zukunftsinstitut. Kelkheim, 2008. 133 S., € 125,-

 

ISBN 978-3- 38284-44-5

 

(Bestellung: www.zukunftsinstitut.de)