Der Nahost-Experte Michael Lüders, langjähriger Korrespondent der Wochenzeitung „Die Zeit“, spricht in seinem Buch von einer historischen Zäsur. Auch er ist Chronist der Ereignisse und versucht zu erklären, wie es zu den Revolutionen kommen konnte, hat dabei aber auch einen Blick für historische Zusammenhänge und sozial-kulturelle Hintergründe. Lüders spannt einen essayistischen Bogen von den Anfängen der Umbrüche in Tunesien über den Islam und die Rolle  Israels bis zu unserem, dem westlichen Blick auf die arabische Revolution. Der Nachrichtensender Al-Jazeera wird dabei ebenso eingewoben wie Martin Luther. Die Entwicklung hin zu den Revolutionen, sagt Lüders, habe sich über Jahrzehnte angebahnt. Die Politik und zum Teil auch die Medien hätten sich aber über lange Jahre hinweg nicht sonderlich interessiert für die Menschen in der arabisch-islamischen Welt. Meist galt die Ansicht, wie schon erwähnt, dass „Islam“ und „Moderne“ nicht zusammenpassen. Deshalb habe man sich wohl mit den Diktatoren und Despoten der Region verbündet, um für sich das Beste herauszuholen und die Stabilität in den einzelnen Ländern zu erhalten.

 

Mit vielen anderen Autoren ist Lüders sich einig darüber, dass der Westen einen anderen Blick auf Nordafrika und den Nahen Osten braucht, einen Blick, der Arabern und Muslime das Streben nach Freiheit und Demokratie zugesteht. Er versucht darzulegen, warum es bisher keine Demokratien gab und argumentiert, dass nicht die Religion Demokratie in den arabischen Ländern verhindert habe, sondern die dort vorherrschenden Diktaturen (vgl. S. 157), und dass sich das religiöse Establishment in den meisten Ländern mit den Autokraten sehr gut arragiert habe. Allerdings sieht der Journalist auch einen großen Reformbedarf der Scharia, die es „systematisch zu entrümpeln und der Moderne anzupassen“ gelte (S. 151). Etwas undeutlich wird die Argumentation Lüders, wenn es um das Verständnis der Moderne geht. Er glaubt nämlich, dass der „Wandel von einer Feudal- in eine moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft“ gleichbedeutend sei mit dem Verlust kollektiver Identitäten, der Relativierung patriarchalischer Traditionen und Normen sowie dem Einflussverlust der Religion und deren „normativer Kraft“ (S. 145). Auch wenn für die Entwicklung der Demokratie in Europa dies u. a. bestimmende Faktoren waren, muß bzw. wird dies in den arabischen Ländern wohl kaum (s. o.) in gleicher Weise ablaufen.

 

 

 

Zukunftsperspektiven

 

Der „arabische Frühling“ hat – so Lüders - nicht nur die Verhältnisse im Nahen und Mittleren Osten auf den Kopf gestellt, sondern er fordert auch ein Umdenken in der westlichen Welt. Sein Ausblicksei von Unsicherheit getragen, denn niemand vermag die Zukunft der arabischen Revolution vorauszusagen. Eines könne aber festgehalten werden: das Bewusstsein hat sich unwiderruflich verändert (vgl. S. 201). Auch Lüders sieht das größte Potential für einen tragfähigen demokratischen Wandel in Tunesien und Ägypten. Und seiner Ansicht nach war der Beschluss der führenden Industriestaaten auf dem G8-Gipfel im französischen Deauville im Mai 2011, „eine Art Marshall-Plan aufzulegen und Tunesien und Ägypten mit insgesamt 40 Milliarden Dollar zu unterstützen“ (S. 202), das richtige Signal. Die künftige Entwicklung in Libyen und im Jemen ist für Lüders völlig offen. Saudi-Arabien und der Iran dürften seiner Ansicht nach an Einfluss verlieren. Die Türkei gehe aus der arabischen Revolution gestärkt hervor nicht zuletzt deshalb, weil „die äußerst professionelle Hilfe in mehreren Zeltstädten den Vorbildcharakter der Türkei für viele Araber verstärkt“ habe (S. 205). Auch an Möglichkeiten für Europa fehle es nicht. Beinahe 75 Prozent der Investitionen in Nordafrika stammen aus der EU. Lüders fordert aber von der EU eine offenere Herangehensweise:  „Die Europäische Union wäre gut beraten, den arabischen Demokratien eine neue Form der Partnershcaft anzubieten, die weit über Sicherheitsfragen hinausgeht.“ (S. 205) Was die Demokratiefähigkeit anbelangt, ist der Autor zuversichtlich: „Wer darauf beharrt, Islam und Moderne, Islam und Demokratie vertrügen sich nicht, kann besagte Zeitenwende nicht verstehen oder kommt zu sachlich falschen Schlussfolgerungen.“ (S. 12) Vor allem gehe es darum zu erkennen, dass die Religionszugehörigkeit des einzelnen nichts darüber verrät, ob jemand befähigt ist zur Demokratie oder nicht. A. A.

 

Lüders, Michael: Tage des Zorns. Die arabische Revolution verändert die Welt. München: Beck, 2011. 205 S., € 19,95 [D], 20,60 [A], sFr 34,90

 

ISBN 978-3-406-62290-8