Steht am Ende des arabischen Frühlings eine „islamische Republik“ oder ein säkularer Staat nach westlichem Vorbild? Die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer beschreibt eindrucksvoll, wie Muslime seit Jahren über Demokratie, Toleranz, Menschenrecht und das Verhältnis von Religion, Recht und Staat debattieren und welche Bedeutung dies für die gegenwärtige Entwicklung in den arabischen Ländern hat. Die erhobenen Forderungen der „Arabellion“ haben für die Autorin nichts spezifisch Islamisches. „Sie fordern weder einen islamischen Staat noch die ‚Anwendung’ der Scharia.“ (S. 8) Wie wir in den vorangegangenen Analysen gesehen haben, verlangen die Menschen einfach ein Leben in Sicherheit, Anstand und Würde. Der Sieg der Demokratiebewegung aber ist auch für Krämer zum jetzigen Zeitpunkt keineswegs ausgemacht.

 

Sehr detail- und kenntnisreich, nicht immer leicht verständlich und nachvollziehbar, nähert sich die Autorin dem Thema. Ehe man sich’s versieht befindet man sich mitten in der nicht enden wollenden Diskussion darüber, ob die Scharia, das göttliche Gesetz des Islam, weiterhin für jeden Muslim privat wie politisch verpflichtend sei, oder ob sich Demokratie und Menschenrecht durchsetzen können. Auch die Trennung von Kirche und Staat scheint noch in weiter Ferne. Dies zeigt für Krämer allerdings nicht den Grad gesellschaftlicher Ausdifferenzierung und Säkularisierung an. „Im Mittelpunkt steht vielmehr die Gültigkeit der Scharia als Fundament, Richtschnur und Rahmen individueller Lebensführung, gesellschaftlicher Ordnung und politischen Handelns. Die prinzipielle Gültigkeit der Scharia wird von der Mehrheit der Muslime nicht in Frage gestellt.“ (S. 97) Auch die Idee der Volkssouveränität, heißt es an anderer Stelle, habe im Islam streng genommen keinen Platz. Doch wird diese Strenge von unterschiedlichen muslimischen Gemeinschaften unterschiedlich gehandhabt. Die grundsätzliche Frage, ob eine islamische Ordnung überhaupt demokratisch verfasst sein könne, beantwortet die Expertin mit dem Hinweis darauf, dass sich in vielen Bereichen (die Haltung zum Mehrparteiensystem, Funktion und Grenzen der Opposition, parlamentarische Kontrolle und demokratische Partizpation) ein Wandel abzuzeichnen beginnt. „Ob sich im Nahen Osten in absehbarer Zeit ein freierer Rahmen entwickelt, und wie Islamisten sich den gewandelten Rahmenbedingungen anpassen, wird sich zeigen“, so der etwas vage Kommentar dazu. Jedenfalls ist nach Auskunft von Krämer die islamische Debatte um Reform und Erneuerung in vollem Gang und wird nach klassischen Mustern geführt: „Alle Seiten berufen sich auf die normativen Texte, alle deuten sie unterschiedlich, alle ziehen ihre je eigene Auswahl der klassischen Autoritäten zu Rate.“ (S. 190)

 

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Vereinbarkeit von islamischer Lehre mit freiheitlichen Werten nicht unmöglich ist. Aber es wird doch deutlich, dass die Auslegung des Korans der Dreh- und Angelpunkt für eine mögliche demokratische Entwicklung bildet. Gleichwohl ist es ungemein schwierig zu trennen zwischen dem, was muslimisch ist, also in der Praxis von Muslimen gelebt wird, und dem was islamisch ist, was also der islamischen Lehre entspricht.

 

Abschließend bleibt festzuhalten, dass derzeit niemand sagen kann, wohin die „Arabellion“ führen wird – zu einer echten Transformation, die die Gesellschaften und Staaten umfassend demokratisiert oder zu einer Anpassung der Regime, ohne die Strukturen grundlegend zu verändern? Beides ist möglich. A. A.

 

Krämer, Gudrun: Demokratie im Islam. Der Kampf für Freiheit und Toleranz in der arabischen Welt. München: Beck, 2011. 218 S., € 14,95 [D], 16,- [‚A], sFr 26,20

 

ISBN 978-3406621260