In den USA ist eine heftige Debatte entbrannt, ob man es mit zuviel des Guten zu tun hat. Mit dem Guten ist dabei das positive Denken gemeint. Barbara Ehrenreich legt eine Polemik gegen diesen Optimismus vor, den sie als Ideologie zu erkennen meint. Ihr Angriff ist einfach und schnell zu lesen, er ist gute Unterhaltung und ihr Argument ist nachvollziehbar.

 

Ehrenreich war an Brustkrebs erkrankt. Während ihrer Behandlung entdeckte sie, dass es eine eigene Kultur und ein eigenes Milieu der Menschen mit dieser Erkrankung gab. Das wäre nicht weiter bemerkenswert. Ehrenreich stieß aber auf, dass in dieser losen Gemeinschaft eine Rhetorik herrschte, die von einer Extremform des positiven Denkens geprägt war. Beispiel: Man solle doch die Diagnose als Herausforderung oder gar als Chance sehen, das Leben intensiver zu genießen. Wer sich der Herausforderung Brustkrebs selbstbewusst und positiv stellt, werde glücklich sein. Bei Ehrenreich kamen diese Botschaften nicht gut an: „What it gave me, if you want to call this a „gift“, was a very personal encounter with an ideological force in American culture that I had not been aware of before - one that encourages us to deny reality, submit cheerfully to misfortune, and blame only ourselves for our fate.“ (S. 44)

 

Positives Denken in diesem Sinn delegiert die Verantwortung für den eigenen Erfolg in das Denken des Individuums. Im Falle von Krebs kommt bei Fortschreiten der Krankheit somit hinzu, dass man neben der körperlichen Krise auch emotional die Verantwortung dafür zu tragen hat. Ehrenreich hält ein Denken, das solche Folgen hat, für nicht gerade nützlich.

 

Nach dieser Erfahrung fiel ihr auf, dass in der amerikanischen Gesellschaft eine Tendenz zum positiven Denken viele Lebensbereiche bestimmt. Sie machte sich auf die Spuren, warum das in den USA so ist. Sie leitet diese Einstellung aus den Erfahrungen mit dem frühen Calvinismus in den USA her. Dieser habe aufgrund seiner restriktiven Haltung zu individuellem Glück und Spaß die Nachfrage nach Optimismus geradezu produziert. Positives Denken sei in der Form des New Thought als eigenständige „Philosophie“ im 19. Jahrhundert aufgestiegen. Es entstand zwar als Alternative zur calvinistischen Kultur der frühen USA, behielt aber einige Eigenschaften bei: „Harsh judgmentalism, echoing the old religion´s condemnation of sin, and an insistence on the constant interior labor of self-examination.“ (S. 89) Im Alltag sei man permanent mit der Botschaft des positiven Denkens konfrontiert: „…that you can have all the stuff in the mall, as well as the beautiful house und car, if only you believe that you can. But always, in a hissed undertone, there is the darker message that if you don´t have all that you want, if you feel sick, discouraged, or defeated, you have only yourself to blame“. (S. 146)

 

Das positive Denken setzt nicht nur das Individuum unter Druck, das nun die Verantwortung allein zu tragen hat, es hat auch eine Tendenz restriktiv mit der Umwelt umzugehen zur Folge. Das wird klar, wenn man sich mit dem Wust an aktueller Motivations-Literatur auseinandersetzt, die um die Idee kreisen, dass man, wenn man nur will, fast alles erreichen kann. Eine Gesellschaft die von dieser Art zu denken geprägt ist, wird einige Charakteristika entwickeln. Zum einen wird es die Kritik schwer haben. Kritik an Gesellschaft und Natur als Grundlage für ihre Korrektur, Verbesserung oder  Negierung wird eine geringere Rolle spielen. Der Kritiker an sich wird weniger Gehör finden. Die Delegierung der Verantwortung an das Denken des Individuums wird selbst die individuelle Entscheidung für kollektives Handeln unterlaufen. Schließlich wird jede Gemeinschaft von (heillosen) Optimisten Pathologien entwickeln, die zu Problemen führen. Ehrenreich hat für Letzteres ein gutes Beispiel. Die Entwicklungen der Finanzmärkte bis zum Crash 2008/2009 waren geprägt von einem Optimismus der schlussendlich ökonomisch verheerend endete. Unter anderem deswegen, weil die Nörgler weder Gehör, noch Jobs fanden. „They got rid of negative people in their lives.“ Ehrenreich legt noch eins nach und legt zwei Fakten nebeneinander. Die USA sind das Land, in dem positives Denken am stärksten verankert ist. Die USA sind das Land, in dem zwei Drittel aller Anti-Depressionsmedikamente der Welt verkauft werden. Etliches an Raum in ihrem Buch widmet sich in der Folge der Frage, ob positives Denken und Glück zusammenhängen. Sie bewertet Studien skeptisch, die dies zu belegen vermeinen.

 

Ihr Gegenentwurf ist freilich nicht der Pessimismus oder österreichisches Grantlertum. Ehrenreich wirbt für einen Realismus, der erlaubt, Dinge nüchtern zu bestimmen und sie damit ändern zu können.

 

Bleibt die Frage, ob dieses Buch auch in Europa relevant sein wird. Im vermeintlich nüchternen Großbritannien ist es bereits erschienen und wird heftig diskutiert, im deutschsprachigen Raum nimmt die Motivations-Literatur in Buchläden ebenfalls in der Regel bereits mehr Platz ein als die Philosophie. Diese Literatur wird die Nachfrage nach Gegenargumenten selbst produzieren. Schön übrigens Ehrenreichs Definition der Ideologie des positiven Denkens: „To see a glass half full, even when it lies shattered on the floor.“ S. W.

 

Ehrenreich, Barbara: Smile Or Die.How Positive Thinking Fooled America and The World. London: Granta, 2009. 235 S., Pfund 10,99 (UK)

 

ISBN 978-1-84708-135-3