Die in Wien tätige und lebende Pschoanalytikerin Rotraud Perner spricht von der „reuelosen Gesellschaft“ und der Wiedergewinnung von Verantwortlichkeit. Vom „Verlust der Wahrheit“, dem „Zeitalter der Seelenvergiftung“, den „Lügen der Gier, Trägheit und Unkeuschheit“, den „Lügen des Zornes, Geizes, Hochmuts und Neides“ handelt ihr Buch. Die Aufzählung hört sich an wie ein modernes Sündenregister. Habe früher die Ermahnung „Das gehört sich nicht“ zum Grundvokabular jeder Erziehung gehört, würden heute die meisten keinen „Genierer“ mehr kennen, so Perner, „wenn sie sich im Ton vergreifen, am Körper oder an fremdem Eigentum“ (S. 9). Die Autorin stellt nur bedingt gesellschaftliche Bezüge her, ihr Hauptinteresse gilt den psychischen Deformierungen durch die genannten Verfehlungen und den (therapeutischen) Gegenmaßnahmen. So würde die Ausbreitung von Lügen und Täuschen für eigene egoistische Ziele beide krank machen – die Täter wie die Opfer. Anders als die Aufzählung des modernen „Sündenregisters“ im Inhaltsverzeichnis vermuten lässt, warnt Perner jedoch vor zu simplen Urteilen oder gar Verurteilungen. Neid gehe beispielsweise häufig auf Erlebnisse des Schmerzes in der Kindheit zurück, dass jemand anderer bevorteilt wurde. Trägheit wiederum könne als Faulheit, Unwilligkeit, Trotz, Trauer, Depression oder auch als „Mangel an Energie“ bzw. als „Selbstschutz vor zu viel Fremdenergie“ wahrgenommen werden. Wer sich für psychologische Erklärungen und Therapievorschläge interessiert und weniger für gesellschaftliche Analysen und Lösungen, findet in diesem Buch eine Fülle an Anregungen. Hans Holzinger

Perner, Rotraut: Die reuelose Gesellschaft. 254 S. St. Pölten (u.a.):Residenz-Verl. 2013. € 22,80 [D], 23,50, sFr 28,00 ISBN 978-37017-3317-0