Ähnlich wie Claudia Kemfert in ihrem 2008 erschienenen Buch „Die andere Klima-Zukunft“, nur viel radikaler, warnt Nicolas Stern in „The Global Deal“ (2009) vor den enormen wirtschaftlichen Schäden eines ungebremsten Klimawandels. Um einem dramatischen Einbruch der Weltwirtschaftsleistung entgegenzuwirken, seien Reduktionen der CO2-Emissionen in den Industriestaaten um bis zu 80% (im Vergleich zu 1990) und bis 2050 weltweit um 50% nötig, argumentiert Stern. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Kemfert setzt eher auf pragmatische Lösungen wie den Emissionshandel, einen Energiemix sowie eine „CO2-Card“, um den persönlichen Konsum- und Lebensstil klimaneutral zu gestalten.

 

Haben sich nun in Zeiten der weltweiten Finanzkrise diese genannten Prioritäten verschoben? Mit Blick auf die Finanzkrise meint die Umweltökonomin in ihrem neuen Buch, ist in der Tat der Klimawandel die existenziellere Krise. Aber wir müssen bei der ökonomischen Krise die ökologische Krise mitdenken, sagt Kemfert. „Wenn wir uns den ökologischen Herausforderungen nicht stellen und auch keine Lösung für die Energiekrise finden, wird es uns nichts nützen, wenn wir jetzt kurzfristig mit teuren Maßnahmen die angeschlagene Wirtschaft aufpäppeln.“ (S. 77) Für die Autorin ist Klimaschutz ein Beitrag zum Weg aus der Krise dann, wenn mittel- bis langfristig verlässliche Ziel verfolgt werden. Gezeigt habe sich auch, „dass der Markt sich nicht immer selbst heilt und der Staat genau dann eingreifen muss, wenn ein Marktversagen sichtbar wird“(S. 121).

 

Die Umweltökonomin hält fest, dass Klimaschutz, Energiemarkt und Weltwirtschaft in einem wechselseitigem Abhängigkeitsverhältnis stehen und weitaus komplexer sind, als man gemeinhin denkt. „Regulierung gehört zur Ökonomie wie der Schiedsrichter zum Fußballspiel.“ (S. 42) Deshalb fordert sie sowohl für den Finanzmarkt als auch für den Energiemarkt ein höheres Maß an Lenkung. Ziel müsse ein intelligenter Energiemix sein, der sich im Jahre 2020 etwa folgendermaßen zusammensetzen sollte: „35 Prozent Kohle, 30 Prozent erneuerbare Energien, 20 Prozent Erdgas, 15 Prozent Kernenergie. Wobei insbesondere die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) viel stärker als heute genutzt werden sollte, sowohl bei Kohle und Gas als auch bei Biomassekraftwerken.“ (S. 64)

 

Green New Deal

 

Wie im vorangegangenen Band ist es auch für Claudia Kemfert höchste Zeit für einen „Green New Deal“, ähnlich dem von Nicolas Stern vorgeschlagenen „Global Deal“. Die Chancen für einen „New Green Deal“ beleuchtet auch der vom Worldwatch Institute herausgegebene Band „Zur Lage der Welt 2009“ (s. PZ 2/2009, Nr. 45). Im Kern geht es allen um eine nachhaltige Ökonomie, die Förderung erneuerbarer Energien, den Ausbau des öffentlichen Verkehrsnetzes und die Förderung umweltfreundlicher Technologien sowie um soziale Gerechtigkeit in globalen Dimensionen. „Bei alldem soll der ‚ungezügelte Kapitalismus’ durch ein klares und weltweit gültiges Regelwerk in seinen schlimmsten Auswüchsen an Gier und Maßlosigkeit gebändigt werden – und zwar ohne nationalen Protektionismus.“ (S. 80f)

 

Am Schluss meint Kemfert pathetisch, die aktuelle Krise ist eine große Chance, vielleicht unsere letzte. Eines gabt sie den Umweltministern nach Kopenhagen noch mit auf den Weg: Kurzsichtigkeit kann mehr belasten als vorausschauendes, behutsames Handeln. A. A.

 

Kemfert, Claudia: Jetzt die Krise nutzen. Hamburg: Murmann-Verl., 2009.122 S., € 12,- [D], 12,40 [A],

 

sFr 21,50; ISBN 978-3-86774-076-0