In den letzten Monaten des Ersten Weltkriegs brach eine der größten Seuchen der Menschheitsgeschichte aus. Zunächst glaubten viele Infizierte, sie litten unter einer gewöhnlichen Grippe, denn die ersten Symptome waren Frösteln, Fieber und Gliederschmerzen. Doch am vierten oder fünften Tag der Krankheit befielen Bakterien den bereits geschwächten Organismus, und die daraus entstehende Lungenentzündung führte binnen weniger Tage oder gar Stunden zum Tod. Schätzungsweise zwanzig bis vierzig Millionen Menschen raffte die sogenannte Spanische Grippe weltweit hinweg. In Österreich zählte übrigens der berühmte Maler Egon Schiele zu ihren Opfern.

Während die Pest, die im Mittelalter Europa heimsuchte und ganze Ortschaften entvölkerte, als Schwarzer Tod ins Gedächtnis der Menschheit eingegangen ist, fiel die Grippepandemie des Jahres 1918 merkwürdigerweise einer Art kollektiver Verdrängung anheim. Zu groß war offenbar der Schrecken darüber, dass sich im Zeitalter der Schutzimpfungen eine Seuche über alle fünf Kontinente ausbreiten konnte und die Medizin hilflos dabei zusehen musste. Doch eine kleine Schar von Wissenschaftlern widmete sich von da an der Erforschung dieser Krankheit, um in Zukunft globale Katastrophen dieser Art zu verhindern.

Die Wissenschaftsjournalistin Gina Kolata schildert die weltweite Jagd nach dem Killervirus im Stil von Reader's Digest. Eine Spur führt zu den schwimmenden Geflügelmärkten in Hongkong, eine andere in die Permafrostregionen nahe dem Polarkreis. Das Virus entzieht sich seinen Verfolgern und wahrt fast ein Jahrhundert lang sein Geheimnis. Erst mit den Methoden der modernen Molekularbiologie kann es dingfest gemacht werden. Heute dürfte sein genetischer Code entschlüsselt sein. Dennoch sind nicht alle Rätsel gelöst: Wo lag der Ursprung dieses Virus? Warum fielen der Krankheit vor allem Menschen im Alter zwischen zwanzig und vierzig Jahren zum Opfer? Warum verschwand das Virus nach einigen Monaten ebenso plötzlich, wie es aufgetaucht war? Und schließlich die wichtigste Frage im Hinblick auf eine künftige Seuchenprävention: Warum war die Grippe von 1918 so tödlich? Am Ende des Buches zieht der US-amerikanische Virologe Jeffery Taubenberger, der an der Erforschung des Influenzavirus maßgeblich beteiligt war, ein vorläufiges Resümee: „Wir haben zwar den Täter gefunden, aber wir wissen noch nicht, wie er den Mord begangen hat“ (S. 342). R. L.

Bei Amazon kaufenKolata, Gina: Influenza. Die Jagd nach dem Virus. Frankfurt/M.: S. Fischer, 2001. 352 S., DM 39,90 / sFr 36,10 / öS 291,-