Das große Buch der Bionik

Ausgabe: 2001 | 3

Der Lotus verfügt über eine erstaunliche Eigenschaft, die schon früh registriert worden ist. Womit seine riesigen schildförmigen Blätter auch in Berührung kommen, sie sehen immer wie frisch gewaschen aus. Heute weiß man, wie dieser „Lotus-Effekt“ zustande kommt: Die Lotusblätter sind mit winzigen Noppen übersät, die aus Wasser abstoßenden Wachskristalloiden aufgebaut sind. An diesen Noppen bleibt kaum etwas haften, und wenn etwas haften bleibt, wird es vom Regenwasser schnell weggespült. Diese Erkenntnis hat den Anstoß zu bedeutenden technischen Innovationen gegeben. Mittlerweile ist es gelungen, Lacke, Dachziegel und Folien zu entwickeln, die sich selbst so reinigen, wie es der Lotus tut.

Die Natur ist eine Fabrik, die bei allem, was sie produziert, mit verschwindend wenig Rohstoffen auskommt. Energie verbraucht sie – von Prozessen im Erdinneren abgesehen – kaum. Ihre Produkte sind biologisch vollständig abbaubar und wiederverwertbar. Und was sie auch tut, mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit gelingt es ihr immer wieder, die in technischer, ökonomischer und ökologischer Hinsicht optimalen Lösungsstrategien zu finden. Der Gedanke liegt deshalb nahe, sich biologische Systeme zum Vorbild zu nehmen und ihre Konstruktions- und Organisationsprinzipien, ihre Regelungs- und Steuerungsmechanismen, ihre Verfahrensweisen und Materialien technisch nachzuahmen.

Genau das versucht die Bionik. Dieser Bildband dokumentiert und erläutert ihre Errungenschaften ausführlich und gibt einen umfassenden Überblick über ihre vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten: vom Schiffs- und Flugzeugbau bis hin zum Verkehrswesen, zur Medizin und zur Nanotechnik. Nachtigall und Blüchel zeigen im Einzelnen, wie die ausgeklügelten Erfindungen der Evolution  heute technisch nutzbar gemacht werden können und welche ungeheuren Potenziale noch in ihnen stecken. So könnte die Bionik den Bau von solargetriebenen Wasserstoff-Farmen ermöglichen, die nach dem Prinzip der künstlichen Photosynthese arbeiten. Die Autoren machen darüber hinaus deutlich, warum die Bionik zur Grundlage eines systemischen Weltbildes und einer neuen, ökologisch ausgerichteten Ethik werden könnte.

Dieses Buch ist eine überzeugende Kombination aus aussagekräftigen Bildern und kurzen, aber nicht zu kurzen wissenschaftlichen Kommentaren und Erklärungen. Vor allem öffnet es die Augen für die Natur als Hightech-Unternehmen. F. U.

Bei Amazon kaufenNachtigall, Werner; Blüchel, Kurt G.: Das große Buch der Bionik. Neue Technologien nach dem Vorbild der Natur. Stuttgart (u. a.): DVA, 2000. 400 S., DM 78,- / sFr 71,- / öS 569,-