Weltbekannt wurde Richard Sennett mit Büchern, die sich mit der Lage der Arbeitnehmer in den USA beschäftigen. In „Der flexible Mensch“ analysierte er, was geschieht, wenn Facharbeiter zum Jobholder werden. Wenn nur noch „Flexibilität“ gefordert wird, in einer Wirtschaft, in der sich Technologien und Märkte immer schneller wandeln. Eine Welt, in der die Kunst des Backens keinen Platz mehr hat, weil angelernte Jobber den Backcomputer bedienen. Jobholder, die Autos verkaufen oder in der Gastronomie die Kunden bedienen. Eine Entwicklung, die auch beim Management nicht Halt macht. Identität und Sinn werden so zu knappen Gütern. In seinem neuen Buch „Craftmanship“, auf deutsch „Handwerk“, sucht Sennett – wenn man so will – eine Medizin für diese Krankheit der Moderne. Das Buch ist, wie der Berlin-Verlag es zu Recht rühmt, ein kulturhistorischer Abriss und ein vehementes Plädoyer für das Prinzip „Handwerk“ in der Kultur und Wirtschaft der Gegenwart. Sennett ist nicht nur Soziologe. Er spielt Cello, kocht gerne und versteht das Schreiben als Handwerk. Dem Handwerk des Musizierens und dem Handwerk des Kochens räumt er in seinem Buch daher Platz ein, beschreibt, was geschieht wenn wir eine Handfertigkeit, eine Kunst erlernen. Wie spielen Kopf und Hand und Herz zusammen? Wie können wir über das Handeln so reden und schreiben, dass es erlernbar wird? Handwerk finden wir, so Sennetts Analyse, jedoch nicht nur im Handwerk. Wir finden es auch in der Wissenschaft und der Computerbranche. Gute Software ist Ergebnis von „Craftmanship“. Nichts anderes gilt für die Wissenschaft. Was macht Labors erfolgreich? Wie arbeitet der Entwicklungsingenieur? Ohne dass sie ihr Handwerk verstehen und leben, steht auch hier am Ende nur Pfusch. Technikentwicklung ohne „Craftmanship“ ist riskant. Das gilt auch für gute Politik und Verwaltung. Arbeiten ohne „Craftmanship“ führt nach Sennett zu schlechten Ergebnissen. Wer als Architekt noch nie eine Baustelle geleitet hat, und daher Erfahrung damit hat, was Bauen ganz praktisch bedeutet, ist ein schlechter Architekt. Vorbild – soweit es die industrielle Interpretation des Prinzips Handwerk angeht – sind für Sennett Unternehmen wie Toyota oder Nokia. Das Handwerk als Prinzip verbindet der Soziologe auch mit dem Prinzip des „Total Quality Management“: ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess, den man, um in den Begriffen des Handwerks zu bleiben, auch als den Erwerb institutioneller Meisterschaft beschreiben könnte. In seiner Studie über das Handwerk bezieht sich Sennett auch auf die europäische Denktradition. John Ruskin und Hanna Arendt oder die Literatur der Aufklärung sind die wichtigsten Fixpunkte seiner philosophischen Argumentation. Sein Menschenbild, seine Vorstellungen von Bildung sind ganzheitlich. „ The Craftsman“ verteidigt ein humanistisches Menschenbild und die Würde des Menschen in der Arbeitswelt. Sennett unterstreicht, dass durch Trennung von Kopf und Hand oder die Abwertung von Können mehr verloren geht, als Arbeitsplätze und ein politischer Konsens, und plädiert für einen „Kulturmaterialismus“. Ein abstrakter Begriff für sehr konkrete Welten und Bezüge. Als bekennender Anhänger der philosophischen Schule des „Pragmatismus“ fordert er Respekt und Anerkennung von „Craftmanship“; empfiehlt uns auf den Boden der Tatsachen zurückzukommen und der Welt ihre Würde zurückzugeben. In „Handwerk“ zeigt er auf, was der Einzelne, aber auch viele Industrieunternehmen gewinnen können, wenn das Prinzip Handwerk respektiert und gelebt wird. Doch wer Sennetts Buch liest, um etwas über das real existierende Handwerk zu erfahren, das es überall in der Welt gibt, wird enttäuscht werden. Dies liegt auch daran, dass es Handwerk, wie wir es kennen, in den USA in dieser Form nicht mehr gibt. Angesichts der Tatsache, dass es Sennett vor allem darum geht, den amerikanischen Konzernen das Prinzip Handwerk ins Stammbuch zu schreiben, wird dies verständlich. In Europa jedoch ist Handwerk mehr als ein Prinzip. Das real existierende Handwerk ist ein sich immer wieder erneuernder Sektor und eine Chance für eine demokratische, nachhaltigere Zukunft. Nicht nur „das Prinzip Handwerk“ verdient also unseren Respekt, auch das real existierende Handwerk und seine konkreten Menschen. „Craftmanship“ ist dennoch ohne wenn und aber ein sehr empfehlenswertes, genussvoll zu lesendes Buch. Es ist als eine kluge Kritik an der industriellen Arbeitswelt und der New Economy zu lesen. Es ist zu hoffen, dass Sennetts Verordnung von mehr „Craftmanship“ zur Genesung der USA beiträgt. Denn wie heißt es so schön? Wenn Amerika hustet, hat Europa Fieber.

 

Sennett, Richard: Handwerk. Berlin: Berlin-Verl., 2008. 480 S., € 22,- [D], 22,70 [A], sFr 37,40; ISBN 978-3-82700-033-0