Von der Idee der Versöhnung von Kapitalismus und Sozialismus, genauer der „Vorstellung, es könnte eine gerechte und egalitäre kapitalistische Herrschaft geben“, hält Antonio Negri, heute wohl einer der bedeutendsten Vordenker einer außerinstitutionellen Linken, vorsichtig formuliert, wenig. Das sei geradezu eine „verrückte Idee“, meint Negri im ersten von insgesamt 15 Gesprächen, die er mit dem Historiker und Publizisten Raf Valvola Scelsi über „das Ungeheuer und die globale Linke“ geführt hat. Darin geht es um die vielfältigen Erscheinungsformen der „Multitude“, die weltweit an einer „anderen Gesellschaft“ arbeitet. Negris Begründung für die eingangs angeführte Position ist unmissverständlich und historisch nicht zu widerlegen: „Das Kapital ist nicht in der Lage ohne Ausbeutung zu überleben. Und die Ausbeutung lässt sich eben so wenig auf ein gerechtes Maß bringen, auch wenn Priester und Sozialisten immer eine derartige Ansicht vertreten haben.“ (S. 24). Wie aber kann in einer Welt, in der wir, so Negri, „vom Wahnsinn, vom Amoklauf der Charakterlosigkeit umgeben sind“, diese andere Gesellschaft entstehen? Negri träumt wachen Sinnes – und gestützt auf die Begegnung mit Akteuren der „Multitude“ – von der Entwicklung eines Gemeinsinns, der, ausgehend von den wachsenden Widerständen in den Metropolen der Welt, den „futuristischen Horizont der Freiheiten“ zu „Gemeinrecht“ werden lässt (S. 43); er beobachtet, wie sich mit dem Entstehen einer „neuen Form prekärer Arbeit“ die „Vorstellung des Gemeinsamen artikuliert und fortentwickelt“ und „die Revolte der Arbeitskraft“ als Ausdruck „kommunistischen Begehrens“ sich ankündigt (S. 56); und er schildert den Zusammenhang zwischen dem globalen Cyberspace und dem Auftreten der Multitude (ob in Seattle oder Genua) und die Notwendigkeit, „den Kommunikationsprozessen und der Sinngebung im Internet eine körperliche Dimension zu verschaffen“ (S. 66). Ihr Thema gemeinsam umkreisend, reflektieren Negri und Scelsi im Austausch auf gleicher Augenhöhe die Entwicklung der zapatistischen Befreiungsbewegung, die Notwendigkeit des Zusammenwirkens von Regierung und Bewegung (erörtert am Beispiel Brasilien), die Bedeutung der weltweiten Migrationbewegungen oder die Forderung nach einem bedingungslosen garantierten Grundeinkommen ebenso wie die jüngste Geschichte in China, Irak oder Iran. Immer wieder wird aber auch auf die besondere Rolle Europas als einzig möglichem Wegbereiter „des revolutionären Projekts“ verwiesen. „Möglicherweise“, so Negri, „bietet Europa die großartige Gelegenheit, einen Prozess radikaler gesellschaftlicher Veränderung in Gang zu bringen. Europa ist das einzige ‚Land’, in dem sich große Traditionen der Zivilisation und eine ungeheuer reiche demokratische Erfahrung von unten begegnen. Das ist die Vision Europas angesichts der aktuellen Krise des Unilateralismus in den globalen Beziehungen“ (S. 216). Eine mehr als ungewisse, aber eine faszinierende Perspektive, die, wie mir scheint, am ehesten mit dem Begriff eines „utopischen Realismus“ zu fassen ist. W. Sp.

 

Negri, Antonio; Scelsi, Raf Valvola: Goodbye Mr. Socialism. Das Ungeheuer und die globale Linke. Berlin: Verlag Klaus Bittermann, 2009. 239 S. (Edition Tiamat) € 16,00 [D], 16,50 [A], sFr 28,00

 

ISBN 978-3-89320-130-3