Ist unsere Demokratie in einer Krise? Kann sie sich gegenüber den Finanzmärkten behaupten? Ist sie weniger produktiv als z. B. das chinesische Regime? Ist sie wehrhaft gegen autokratische Staaten wie Russland? David Runciman, Politikwissenschaftler aus Cambridge, hat sich diese Frage gestellt und beruhigt uns: Alle diese Probleme und Krisen gibt es tatsächlich, aber in ihnen zeigt sich die Stärke der Demokratie.

Das verwirrt. Wie können Krisen uns auf die Stärke einer Regierungsform hinweisen? Runciman nimmt uns, damit wir das verstehen, auf eine Reise durch das 20. Jahrhundert mit und erzählt uns einmal mehr die großen Krisen der Demokratie in dieser Zeitspanne. Er widmet Kapitel den wichtigsten Krisen, beginnend mit der Unsicherheit nach dem 1. Weltkrieg, unter anderem dem Aufstieg des Faschismus, dem Kalten Krieg und der Finanzkrise von 2008.

Er schildert dabei, wie die Demokratie immer wieder Schwächen aufwies und Fehler beging. Seine Erklärung dafür setzt bei der Funktionsweise der Demokratie an:  Demokratien entwickelten eine Selbstsicherheit hinsichtlich ihrer langfristigen Überlegenheit gegenüber anderen Systemen. Dieses Selbst-Vertrauen verleite aber zu kurzfristigem Denken, das langfristige Entwicklungen (die ja gesichert erscheinen) außer Acht lasse. Genau dieses kurzfristige Denken von Wahl zu Wahl, obder das Engagement nur für die eigenen Interessen, führt aber zu den Krisen der Demokratie. „Democracies lack a sense of perspective.“ (S. 293)

Runcimans Argumentation endet aber nicht hier: Denn er beschreibt, wie Demokratien in dieser selbstverschuldeten Krise ihre Stärke finden. Demokratien erweisen sich als besonders gut geeignet, sich in schweren Krisen den Herausforderungen anzupassen. Dies nicht deshalb, weil man besonders schlau sei, sondern weil Demokratien einfach so lange andere unterschiedliche Lösungen erproben können, bis sie eine finden, die passt. Oder anders gesagt: Demokratien erlauben sich in Krisen viele kleine Fehler, das ist aber der Weg, um auf die eine Lösung zu kommenfinden. Was war das Problem, dass Frankreich 1917 vier Premierminister verschlang? Es fand schließlich Georges Clémenceau und Stabilität.

Das Argument ist nun nicht, dass dieses „Trial-and-Error“ die beste denkbare Vorgangsweise sei. Runciman argumentiert aber, dass sie der entscheidende Vorteil gegenüber autokratischen Systemen ist. Denn diese erlauben sich nicht den Kurswechsel, sie marschieren geradewegs in die Katastrophe.

Der Autor vergleicht Demokratie mit einem Menschen in einem dunklen Zimmer, der den Lichtschalter sucht. Demokratien drücken an alle möglichen Stellen der Wand, zumeist falsch, aber irgendwann wird der Knopf gefunden. Autokratien glauben zu wissen, wo die Stelle ist und pressen immer stärker an dieselbe Stelle. Wenn der Schalter dann nicht dort ist, bleibt es für immer dunkel.

Die „Confidance Trap“, die Vertrauensfalle, ist die Selbstsicherheit  der Demokratie. Sie wird immer wieder dazu führen, dass kurzfristig gedacht wird, das führt wieder zur Krise und dann wird wieder Demokratie die beste Form sein, die Krise zu bewältigen. „Success and failure go hand in hand. This is the democratic condition. It means that the triumph of democracy is not an illusion, but neither is it a panacea. It is a trap.” (S. XIV) Aus den Erfahrungen lernt die Demokratie übrigens nichts, ist der Autor überzeugt. „Democracies survive their mistakes. So the mistakes keep coming.“ (S. 294).

Runciman, David: The Confidence Trap. A History of Democracy in Crisis from World War I to the Present. Princeton: Princeton Univ. Press, 2013. 381 S., 19,95 Pfund (UK)  ISBN 978-0-691-14868-7