Ein Kernproblem der Demokratie sind für viele Journalistinnen und Journalisten die Konflikte zwischen Parteien und Ideologien. Anstatt Kompromisse zu suchen, versteigen sich die Politiker und Denker in Lagerkämpfe, so das Argument. Das schade dem Gemeinwesen. Der italienische Polit-Aufteiger Beppo Grillo sagt ja auch: Nicht links oder rechts, sondern gut oder schlecht.

Es wäre schön, wenn die Welt so einfach wäre. Aber was ist jetzt richtig oder falsch, wenn man bestimmen will, wie viel Geld von einer beschränkten Summe in den Sport und wie viel in die Gesundheit fließen soll? Darf man die Förderung des Sports auch mit „Spaß“ begründen? Wäre das „falsch“? Amartya Sen hat dazu umfangreich argumentiert: Und er verwirft die Idee, dass alle Werte gegeneinander abgewogen werden können. Wie viel wiegt schon „Viel Spaß“ im Vergleich zu „ein Monat länger Leben“? Muss das nicht jeder selbst entscheiden?  Aber dann bleibt es in einer Demokratie dabei, dass darüber ewig gestritten wird.

Joshua Greene findet, dass dieser Streit, wie er heute  zwischen den ideologischen Lagern geführt wird, kontraproduktiv ist und dass dabei viel zerstört werden kann. Er will die „Moral Tribes“, wie er sie nennt, dazu bringen, gemeinsam einzusehen, was „richtig“ und „falsch“ ist. Und er macht sich daran, eine gemeinsame Währung zu finden, die alle Lager akzeptieren. Wäre diese eingeführt, würden die Werte wie „Gerechtigkeit“, „Wohlstandswachstum“ und „ökologische Nachhaltigkeit“ gegeneinander handelbar.

Greene studiert die philosophischen Ansätze des Utilitarismus und rezipiert die Ideen der Hirnforschung. Der Autor beginnt damit, dass er menschliches moralisches Handeln in einem Modell abbildet. Er unterscheidet dabei zwei Arten des Denkens. Zum einen funktionieren wir oft im „Automatik“-Modus. Dabei werden Informationen nach den eigenen moralischen Auffassungen ausgewählt, bewertet und zu den bestehenden eigenen Ideen passend übernommen. Zum anderen besitzen wir den Modus „Manuel“, wie Greene ihn nennt. Dabei können wir rational bestimmen, was wir in den Focus nehmen. Das entspricht dem Versuch, vernünftig und unvoreingenommen zu denken.  Diese Fähigkeit, „unparteiisch“ zu denken, ist die Voraussetzung für den nächsten Schritt seiner Argumentation.

Er schlägt vor, dass die gemeinsame Währung für dieses unparteiische Abwägen der Werte das Glück sei. „Rather than appeal to an independent moral authority (…), we aim instead to establish a common currency for weighing competing values.  (…) Your happiness and your suffering matter no more, and no less, than anyone else´s. Finally we can turn this moral value into a moral system by running through the outcome optimizing apparatus of the human prefrontal cortex.” (S. 291) Was immer deine Werthaltungen sind, suche den Kompromiss mit anderen auf der Grundlage, ob die Anwendung der einen oder anderen Lösung Glück ausweitet oder reduziert.

Greene, Joshua: Moral Tribes. Emotion, reason, and the gap between us and them. London: Atlantic Books, 2013. 422 S., 22,-Pfund [UK]  ISBN 978-1-78239-336-8