Editorial 4/1994

Was ich von Bob Jungk gelernt habe, das ist das Hoffen. Genauer gesagt, weil ich dieses Abitur oder diese Staatsprüfung noch nicht bestanden habe, ist es, dass ich die Hoffnungslosigkeit nicht mehr für ein Zeichen höherer Intelligenz halte. Sie ist eine Art Luxus, und von Robert Jungk konnte man lernen, nicht nur die Liebe mitzuteilen, sondern auch den ihr zugehörigen Zorn! Vor kurzem analysierte eine Gruppe von Studenten die Folgen der Arbeitslosigkeit, sie sprach über den Verlust des Zeitgefühls, über die Störungen in den Beziehungen, über die Bedrohung des Selbstwertgefühls und über die materielle Verelendung. An der Tagung nahmen auch Arbeitslose teil, sie wurden immer unruhiger bei den Beschreibungen. Schließlich platzte einer los: "Wir sind doch schon arbeitslos. Wir können uns so viel Hoffnungslosigkeit nicht mehr leisten." Die Opfer ärgerten sich über die, die sie als bloße Zuschauer ihrer Verelendung ansahen. Die Betroffenen kritisierten die Reflektierenden. Und in der Tat: Die Beschreibung des Elends samt Erkenntnis seiner Ursachen ist unzureichend. Es gibt eine Selbstlähmung in Ratlosigkeit, manchmal denke ich, kein Kaninchen sitzt so vor der Schlange wie wir. Alle wissen oder können wissen, dass das System des fortgeschrittenen Industrialismus nur für eine kleine Minderheit funktionieren kann, nicht für alle Erdenbewohner. Die siegreiche New World Order hat weder ökonomisch noch ökologisch ein Menschheitsmodell. Nicht die Armut soll bekämpft werden, sondern die Armen. Sie sind »expendable« geworden, nicht einmal als Konsumidioten lassen sie sich verwenden. Und nicht die Erde soll bestehen bleiben, sondern die Produktionsziffern werden nach wie vor als das Nonplusultra der ökonomischen Vernunft ausgegeben. Es stimmt etwas nicht mit unserem Wissen. Diese Art von Wahrheit - über den IWF und die Chicago Boys, die dafür sorgen, dass Schulen und Krankenhäuser in der Elendswelt verfallen, über die Leute in Bonn, die ohne den "Eurofighter" nicht leben können - alles notwendige Erkenntnisse, und doch fehlt dieser Art von Wahrheit das, was Wahrheit nach dem Johannesevangelium mit uns tut: Sie macht nicht frei. So ist auch unser Wissen differenzierter, umfassender denn je - und doch nicht, was Wissen sein soll und in der Tradition der Arbeiterbewegung lange war: Macht. Es gibt die Dauergeste des Entlarvens und Demaskierens, es gibt eine ungetrübte, undialektische und risslose Darstellung der Welt als verfaulender. Wie Staatsanwälte treten wir auf gegen alle Geschichte und alle Realisation von Freiheit. Aber von diesen Gesten lässt sich nicht leben. Wenn ich der Welt täglich nachweise, dass man nicht in ihr leben kann, so kann ich in ihr auch nichtlieben, nicht arbeiten und auf die Dauer auch nicht kämpfen. Die Ermattung vieler kritischer Menschen in den letzten Jahren, die sich heute dem Selbstmitleid und der psychologischen Selbstpflege verschrieben haben, beweist das. Wo sind sie geblieben, diese Freunde? Die Hoffnungslosigkeit hat sie erstickt. Die wirklich zu leistende Arbeit wäre, einen Zwiespalt in die eigene Hoffnungslosigkeit zu treiben. Sich selbst in den Unglücksrezitativen zu zementieren, ist die Sprache des Unglaubens. Christus hat nicht die Bewegungslosigkeit des Gelähmten beschrieben, nicht die Blindheit der Blinden erklärt. Der andere Blick, der "sie wird aufrecht gehen", "er wird sehen" behauptet gegen den Augenschein, ist die Voraussetzung der Heilung. In Lateinamerika habe ich Hoffnung oft bei den an der Basis Arbeitenden gefunden, deren Überblick geringer, deren Analyse einfacher, deren Handlungsradius begrenzter war. Ist es denn leichter, Hoffnung zu haben, wenn sie konkreter und begrenzter ist? Dass Marias zweites Kind nicht auch an Austrocknung sterbe, dass der Wassermarsch nur mit Tränengas, nicht mit Gewehrsalven in die Menge beantwortet werde, dass es gelinge, den einen nicht bestochenen Richter in der Stadt zu finden, sind solche geringen, auf das tägliche Brot zum Überleben bezogenen Hoffnungen. Aus der Perspektive der Armen betrachtet, ist die Hoffnungslosigkeit. die wir uns leisten, eine Art von Luxus für die, die nicht in die Kämpfe verwickelt sind. Und so nährt sich unser Zweifel an der unbezweifelbaren Macht des "Immer größer immer schneller - immer brutaler" von den nicht voraussagbaren Geschichten der Hoffnung, die es auch bei uns zulande gibt. Ich nenne ein paar, die mich trösten und die mir helfen. In Göttingen haben die Schulkinder angefangen, ihre Stadt „dosenfrei" zu machen, weil sie keine Lollis brauchen, sondern Luft zum Atmen. In Saarbrücken unterstützt die Stadt Solarzellen und den Umstieg auf eine andere Art von Energieversorgung. Bei Dresden versuchen Leute, das gigantische Autobahnprojekt aufzuhalten. Lebensmittelketten verkaufen Kaffee zu einem gerechten Preis für die Kleinbauern. All dies widerspricht und widersteht dem über uns herrschenden Götzen, der zurzeit "Markt" genannt wird. In all diesen und vielen anderen Geschichten zuckt das Leben und steht auf: Die Wahrheit über die Luft, die wir atmen, und den Kaffee, den wir trinken, hat durchaus diese Qualität, uns freizumachen von dem Projekt des Todes, das uns mitschleift. Auch der Stein auf unserem Grab liegt nicht für ewig.