Gell-Mann, einer der prominentesten "Querdenker der modernen Naturwissenschaft, unternimmt hier den Versuch, eine Synthese zwischen Einfachheit (z. B. den elementaren Gesetzen und Bestandteilen der Teilchenphysik) und Komplexität (für ihn durch einen Jaguar versinnbildlicht) herzustellen. Es geht ihm dabei um eine gleichberechtigte Vereinigung von Natur- und Geisteswissenschaften im weitesten Sinne.

Der Nobelpreisträger bemüht sich zunächst um eine klare Eingrenzung und Definition der komplexen adaptiven Systeme, wie sie aus den Bereichen der Biologie, Soziologie und Ökonomie aufgeführt werden. Mit großer Genauigkeit werden Termini aus der Informationstheorie durch Ansätze der Quantentheorie ergänzt und um Definitionen des Begriffs "Zufall" ergänzt, der bei der Ausbildung von komplexen Strukturen eine zentrale Rolle spielt. Beim Aufspüren von "effektiver Komplexität" und Adaptionsmechanismen bedient sich Gell-Mann der Beispiele eines Sprache lernenden Kindes oder eines gegen Antibiotika resistenten Bakteriums im Laufe seiner Evolution. Zudem liefern seine Ausführungen zu Theorienbildung und Reduktionismen im wissenschaftlichen Arbeitsprozeß gute Ansätze zum Verständnis von Themen der Physik, Mathematik oder Biochemie. Jedoch geht es Gell-Mann um mehr als eine umfassende Darstellung des Status quo der Forschung. Er entwickelt die Theorie der sogenannten plectics, ein Versuch, zu einem ganzheitlicheren Verständnis der Abläufe in komplexen adaptiven Systemen zu kommen. Auch wenn ein solcher Erklärungsansatz allein aus physikalischen Überlegungen heraus nie sichere Ergebnisse erbringen könne, so sei sein zugrundeliegendes Paradigma (das auch als "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile" zusammengefaßt werden kann) ein grundlegender Bestandteil für die Lösung dringender zivilisatorischer Probleme.

Im letzten Teil werden folglich einige Grundgedanken der plectics auf technologische, ökonomische, soziale und auch ideologische Handlungsmuster der Gegenwart angewendet. Die Fülle von Themenbereichen, die Gell-Mann unvoreingenommen zur Entwicklung seiner Synthese aus Einfachheit und Komplexität heranzieht, machen dieses Buch zu einer al/gemein zugänglichen Zusammenfassung der Komplexitätstheorie und ihrer möglichen Anwendungen. Sich der derzeitigen Modeströmungen in den Bereichen "Chaos" und "Selbstorganisation " bewußt, kann der Autor wohlbegründet wissenschaftlich fundierte von unverständlich mystifizierenden Erklärungsansätzen unterscheiden. Dies geschieht nicht allein im Kontext der Erkenntnismaximierung, sondern auch im Hinblick auf drängende Fragestellungen unserer Gesellschaft. Von daher ist Gell-Manns Buch nicht vordringlich die prophetische "neue Erklärung der Welt" (wie vom deutschen Verlag angekündigt), sondern ein engagiertes und fundiertes Plädoyer für einen gesellschaftlichen ParadigmenwechseI. Einzig läßt die enorme Fülle an Fakten und Beispielen dies an einigen Stellen des Buches vergessen.

D. F

Gell-Mann, Murray: Das Quark und der Jaguar. Vom Einfachen zum Komplexen - Die Suche nach einer neuen Erklärung der Welt. München: Piper, 1994. 5285., DM 48,- / sFr 44,20/ ÖS 375,-