Die Geschichte der Menschheit wird – von wenigen Ausnahmen abgesehen – als Abfolge von Intrigen und Kriegen, von Habgier und Niedertracht, von Leid und Zerstörung erzählt – in den großen Mythen aller Kulturen ebenso wie in der Fülle von Daten und Fakten, die uns tagtäglich über das Weltgeschehen informieren. Der US-amerikanische Ökonom und Soziologe Jeremy Rifkin, der mit seinen viel beachteten Büchern die Diskussion um zentrale Zukunftsthemen seit Jahren mit entscheidend prägt, erinnert an G. F. W. Hegel, der in seinen „Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte“ meinte: „Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr.“ (S. 20).

 

In seinem in jeder Hinsicht großen, ja großartigen Buch füllt Rifkin auf knapp 500 Seiten diese Lücke ein Stück weit aus, indem er diese Geschichte neu erzählt. Ihr „Dreh- und Angelpunkt“ ist die „widersprüchliche Beziehung zwischen Empathie und Entropie“. „Veränderte Energienutzung und Kommunikationsrevolutionen haben“, so die erkenntnisleitende These, „zur Entstehung immer komplexerer Gesellschaftsstrukturen geführt. Technologisch weit entwickelte Kulturen wiederum boten den Menschen die Möglichkeit, ihr empathisches Bewusstsein zu erweitern. Doch je komplexer die sozialen Umfelder, umso höher der Energieverbrauch und umso dramatischer die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen.“ (S. 13f.) Im wahrsten Sinne des Wortes nahe liegend und Gegenstand des dritten Teils dieses Buches ist demnach die Frage, „ob der Wettlauf zwischen einem globalen Empathiemaximum und der immer rasanteren entropischen Zerstörung der Biosphäre unseres Planeten gewonnen werden kann“ (S. 14). Doch der Reihe nach.

 

Einleitend entwickelt Rifkin die Grundlagen eines neuen Bildes vom Menschen und fügt eine Fülle von Argumenten (vor allem aus Psychologie und Anthropologie, aber auch aus Biologie und Physik) aneinander, die überzeugend darlegen, dass „wir Menschen von Natur aus soziale Kreaturen sind, die sich nach Gemeinschaft sehnen und durch empathische Erweiterung des Selbst ihre eigene Bedeutung in der Beziehung zu anderen finden“ (S. 24), während Aggressivität, Gewalttätigkeit und Egoismus als „sekundäre Triebe“ angesehen werden können. In seiner Argumentation des ‚Homo empathicus’ blendet der Autor Schattenseiten unserer Existenz freilich nicht aus – die Exzesse des Konsumskapitalismus etwa führt er auf die „Erotisierung unserer Sehnsüchte und Wünsche“ zurück (S. 47) – verweist aber andererseits u. a. auf die herausragende Bedeutung des (metaphorischen) Sprachgebrauchs hin, der „zwei Menschen die Möglichkeit gibt, am Innenleben des jeweils anderen teilzunehmen“ und so den „tiefgreifenden Wandel vom „Ich denke, also bin ich“ zum „Ich nehme teil, also bin ich“ (S. 117) in Gang zu setzen, der unser Verständnis von Wirklichkeit prägt: „Je stärker wir aufeinander und auf unsere Mitgeschöpfe eingehen, umso reicher ist die Wirklichkeit, in der wir leben. Das Maß unserer empathischen Teilnahme bestimmt das Maß, in dem wir die Wirklichkeit begreifen.“ (ebd.)

 

Im zweiten, umfassendsten Teil seiner Darstellung durchmisst Rifkin die Geschichte der Zivilisation von ihren Anfängen im vierten Jahrtausend v. Chr. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in der Abfolge von mythologischem, theologischem, ideologischem und psychologischem Bewusstsein und als Wechselspiel von Energie- und Kommunikationsrevolutionen. Mündliche Überlieferung, Schrift, Drucktechnik und Elektronik hätten sukzessive ermöglicht, unsere emotionale Reichweite räumlich wie zeitlich auszudehnen, aber auch zur permanenten Ausbeutung der begrenzten Ressourcen geführt, so dass wir heute vor der Herausforderung stehen, unser empathisches Potenzial weiter zu entwickeln, ohne den Durchsatz an Energie weiter zu erhöhen.

 

Wie dies gelingen könnte, ist Gegenstand des abschließenden dritten Teils, in dem der Verfasser die Konturen eines möglichen „Zeitalters der Empathie“ ausbreitet. Die uns gestellte Aufgabe ist keine geringe, denn auf dem Weg vom „dramaturgischen“ zum „biosphärischen“ Bewusstsein sind wir gefordert, „das menschliche Bewusstsein im Laufe des kommenden Jahrhunderts so zu verändern, dass die Menschheit lernen kann, wie man gemeinsam auf dem Planeten Erde lebt“ (S. 363). Technologisch setzt der Autor auf die Verwirklichung der „Dritten industriellen Revolution“, die auf vier Säulen (Erneuerbarer Energie, Gebäuden als Kraftwerken, intelligenten Speichertechnologien und der Neukonfigurierung des Stromnetzes nach Vorbild des Internets) ruht und durch einen „dezentralen Kapitalismus“ vorangetrieben wird. Das mentale Rüstzeug sieht er in den „Selbstinszenierungen der Improvisationsgesellschaft“ zum Teil vorgeprägt, denn Authentizität und die Bereitschaft zur Bildung sozialer Netzte sei vor allem in der „Millenniumsjugend“ ausgeprägt, meint Rifkin. Es bedürfe allerdings „eines starken persönlichen und politischen Engagements, um einen neuen Traum zu verwirklichen und die Gesellschaft von Grund auf und auf allen Ebenen neu zu gestalten“ (415). Eine „biosphärische Erziehung“, durch die wir lernen, „unsere Beteiligung an Netzwerken, unsere Fähigkeit zum Multitasking, unser wachsendes Bewusstsein für die gegenseitigen Abhängigkeiten in den Bereichen Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt zu stärken“ und die „Akzeptanz von Widersprüchen und kultureller Vielfalt“ zu erhöhen, würde uns „für ein systemisches Verständnis der Erde prädisponieren“ (S. 420f.), ist der Autor überzeugt. Zugleich aber sieht er keinen Anlass für naiven Zukunftsoptimismus: „Unsere empathische Prädisposition ist kein fehlersicherer Mechanismus, der uns erlaubt, unsere Menschlichkeit zu vervollkommnen. Sie stellt vielmehr eine Chance dar, die Menschheit zu einer Großfamilie zu machen. Allerdings muss die Empathie ständig trainiert werden.“ (S. 424)

 

Dass es sich jedoch lohnt, sich dieser Übung zu unterziehen, steht außer Zweifel. Ein analytisch großartiges, ein inspirierendes Buch, dem viele LeserInnen zu wünschen sind, weil es dazu beitragen kann, jeden Tag auf dieser Welt zu einem besseren zu machen und so die Zukunft zu gewinnen. W. Sp.

 

Rifkin, Jeremy: Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein. Frankfurt/M. (u. a.): Campus, 2010. 468 S., € 26,90 [D], 27,70 [A], sFr 47,10; ISBN 978-3-593-38512-9