Menschen sind nicht von Natur aus gut oder böse, fleißig oder faul, zur Entwicklung fähig oder unfähig. Ihr Verhalten richten sie nach den Institutionen, die ihrerseits gut oder schlecht sein können. Armut und Unterwürfigkeit sind nicht Resultat von Tatenlosigkeit. sondern historischen und/oder natürlichen Ursachen zuzuschreiben. Diese Gedanken stammen von Octavio Paz, dessen neuen Liberalismus sich Sorman verpflichtet fühlt: "Liberales Denken ist alles andere als dogmatisch, es ist nicht eine aus irgendwelchen Offenbarungen gewonnene magische Formel, die ungeachtet der Umstände und Breitengrade als solche angewendet werden könnte."

Bei seinem Versuch, Perspektiven und allgemeingültige Entwicklungsregeln aufzuzeigen, besuchte der Autor 18 Länder. Seine Reise führte ihn nach Mexiko, Südamerika, Indien, Kuba, China und einige Länder Afrikas. Einem Wirtschaftsliberalismus a la Adam Smith verhaftet, vertritt er die Auffassung, daß die Armut der Nationen keineswegs schicksalsgegeben, sondern Folge falscher Politik sei. Interessant ist u. a. der Beitrag über das Wirtschaftsmodell von Raul Prebisch, der die UN Wirtschaftskommission für Lateinamerika (ECLAC) mit Sitz in Santiago de Chile gegründet hat. Prebisch war der Überzeugung, die Dritte Welt sei ein Opfer des Imperialismus der reichen Länder. Brasilien dient Sorman als Beispiel dafür, daß Demokratie für sich alleine nicht genügt, "um die Entwicklung so zu orientieren, daß sie zugunsten der größten Zahl wirkt". Er bestreitet den Zusammenhang von Überbevölkerung und Armut: "Die Politik der Geburtenbeschränkung ist in allen ihren Schattierungen letztlich nichts anderes als ein Eingeständnis des Versagens; nie und nirgends hat sie Hunger oder Armut beseitigt. Sormans Analyse ist eher eine ausschnitthafte Zustandsbeschreibung als eine fundierte Untersuchung zur Lösung der Massenarmut. Entwicklung ist für ihn die Sehnsucht der Völker, einem materiellen Dasein entgegenzugehen, "das dem des Abendlandes näherkommt". In einer Zeit, in der die Wertvorstellungen der Industriegesellschaft mit ihren Auswirkungen immer mehr in Frage gestellt werden, scheint diese These als Fundament einer Untersuchung zweifelhaft.

Sorman, Guy: Der neue Reichtum der Nationen. Die Dritte Welt im Aufbruch. Düsseldorf (u. a.): Econ, 1989. 319 S.