Das hier besprochene Buch kann mit Fug und Recht als „Alterswerk“ bezeichnet werden. Und zwar nicht nur in dem Sinne, dass der Autor über 90 Jahre alt ist, sondern weil er hier erkennbar seine wissenschaftliche und persönliche Erfahrung gebündelt und eine Art Vermächtnis vorgelegt hat. Es geht um nichts weniger als um das Überleben der menschlichen Zivilisation. Der renommierte französische Soziologe und Philosoph Edgar Morin analysiert die Strukturen und Ursachen der vielfältigen Krisen unserer Zeit und thematisiert als deren Ursachen sowohl die unzureichend entwickelten Merkmale der individuellen als auch der institutionellen und gesellschaftlichen Ebenen.

Die behandelte Themenbreite ist immens und sein globaler und historischer Horizont eindrucksvoll und in vier Teilen aufgeteilt. Im ersten Abschnitt „Die Politiken der Menschheit“ geht es um eine Auswahl drängender und wichtiger Problemlagen, von Denken, Demokratie, Demografie über Ökologie, Wasser, Ökonomie zu Armut, Entbürokratisierung und Repression. Im zweiten Teil („Reformen des Denkens und der Erziehung“) erörtert Morin die zu erfüllenden Voraussetzungen für eine stärkere, kommunikative Demokratie. Seine Gedanken für „Gesellschaftsreformen“ erläutert er im dritten Abschnitt, wo er Handlungsbereiche wie Gesundheit, Wohnen, Landwirtschaft, Ernährung, Konsum und Arbeit erörtert. Im vierten Teil geht es um „Lebensreformen“, um Familienstrukturen, weibliche Bedingungen, Jugend, Altern und schließlich den Tod. In der Schlussfolgerung und der Nach-Schlussfolgerung spitzt der Autor seine wesentlichen Punkte noch einmal zu.

Morins Einschätzungen sind scharf und stellenweise unerbittlich, so z. B. wenn er historisch zusammenfasst: „Bedenkt man, dass in allen Epochen die Mehrheit der Menschen Schafe geblieben sind, unterwürfig, folgsam, monotone Aufgaben ertragend, sich dem Schicksal der ständigen Wiederholung des Kreislaufes von Geburt und Tod ergebend (selbst wenn man nicht vergessen darf, dass die Jugendlichen, bevor sie zu gezähmten Erwachsenen werden, vor Abenteuerlust kochen): wie wollte man da nicht erstaunt sein und bewundern, dass Persönlichkeiten wie Alexander, Dschingis Khan, Tamerlan, Buddha, Jesus, Paulus von Tarsus, Mohammed den Lauf der Geschichte verändert haben, dass abenteuerlustige Minderheiten Horizonte überschritten, über das Sichtbare, das Denkbare hinaus gesucht und die Menschheit in dieses wunderbare Abenteuer, das ihre Geschichte ist, hineingezogen haben?“ (S. 324f.) Doch bei aller negativen Beurteilung („Schafe“) zeigt Morin Möglichkeiten auf, die den dominierenden nekrophilen Trend verzögern oder gar umkehren könnten. Wissend um die Aussichten seiner Mission („die Katastrophe ist wahrscheinlich, aber nicht unvermeidbar“) ruft er die Menschen dazu auf, sich ihrer irdischen Schicksalsgemeinschaft bewusst zu werden.

Konkrete Anhaltspunkte dafür sieht er bereits in dem „kreativen Brodeln“ einer Vielzahl lokaler Initiativen für eine umfassende Erneuerung (S. 36). Dabei ist Morin Realist und erfahren genug, dass er den einen oder anderen Trend nicht etwa überbewertet und die anderen außer Acht lässt. Er propagiert, dass über das Entweder-Oder insbesondere folgender Phänomene hinauszugehen sei: Globalisierung - Deglobalisierung, Wachstum - Wachstumsrücknahme, Entwicklung - Einwicklung, Bewahrung - Umwandlung. Bei all diesen Phänomenen handele es sich um vielgestaltige Trends, die sich teilweise ergänzen oder auch konfliktreich gegeneinander wirken. Daher müsse der Umgang und das Einwirken darauf durch eine „Erneuerung des politischen Denkens“ verändert werden: dies „kann nur komplex sein, indem es den Kontexten, den Wechsel- und Rückwirkungen“ Rechnung trägt.

Morin zufolge muss ein „Weg der Vermischung“ eingeschlagen werden, mit dem ein „planetarischer Humanismus“ zu entwickeln sei, um „das Beste der archaischen Kulturen, das Beste der traditionellen Kulturen und das Beste der westlichen Modernität in sich aufzunehmen.“ (S. 55) Daher nimmt es nicht Wunder, dass er eine globale Sichtweise kultiviert, nicht-westlichen Kulturen Aufmerksamkeit schenkt und der sozialen Frage eine zentrale Bedeutung zuspricht. Mit der Kultur des Westens geht Morin hart ins Gericht: „Wir halten uns für zivilisiert, während sich Barbarei innerlich unserer bemächtigt, in Egoismus, Neid, Ressentiment, Verachtung, Wut, Hass. Unser Leben ist beschädigt und verpestet durch das jämmerliche und oft unheilvolle Niveau der Beziehungen zwischen Individuen, Geschlechtern, Klassen, Völkern. Die Blindheit gegenüber sich selbst und anderen ist eine alltägliche Erscheinung.“ (S. 279)

Daraus folgert Morin vier basale „Imperative einer Zivilisationspolitik“: solidarisieren (gegen die Vereinzelung und Abkapselung), rückbesinnen (gegen die Anonymisierung), zusammenleben (gegen den Verfall der Lebensqualität), und moralisieren (gegen Unverantwortlichkeit und Egozentrismus) (S. 65). Hierbei thematisiert er auch politische Strukturen, und trifft sich auch hier mit anderen zeitgenössischen Analysen, indem er die vorherrschenden Arten parlamentarischer Demokratie zwar wertschätzt, aber für unzureichend erklärt. Morin betont durchgehend, dass alle von ihm skizzierten Reformen voneinander abhängen, dass also sowohl die Lebensreform, die moralische Reform, die Reform des Denkens, die Reform der Erziehung, die Zivilisationsreform, die politische Reform miteinander zusammenhängen und sich schrittweise unterstützen und sich dynamisieren. „Die Wege der Reformen könnten sich schrittweise verbinden, um den WEG zu bilden. Dieser WEG würde die Welt erneuern, um die Metamorphose zu verwirklichen.“ (S. 321)

Morin verbindet auf eine Weise, die dem Denken von Günter Anders oder Pierre Teilhard de Chardin nahekommt, die planetarische, geistige, gesellschaftliche und individuelle Ebene und erfasst zahlreiche wesentliche Dimensionen der menschlichen Existenz. Er skizziert zukunftsorientierte Prinzipien, Konzepte und Reformwege. In Buchbesprechungen in der französischen Presse wurde konstatiert, das Buch „Empört Euch!“ von Stéphane Hessel habe zum Handeln aufgefordert, und nun würden mit dem Buch „Der Weg“ von Edgar Morin Anregungen und Konzepte zum Handeln geschenkt. Dem kann nur zugestimmt werden – in der Hoffnung, dass entsprechend gehandelt wird und Horizonte überschritten werden. Edgar Göll

 

Morin, Edgar: Der Weg. Für die Zukunft der Menschheit. Hamburg: Krämer, 2012. 333 S., € 26,- [D], 26,80 [A], sFr 36,40 ; ISBN 978-3-89622-113-1