Der Odysseus Komplex

Ausgabe: 2017 | 2

Was die griechische Mythologie mit dem Euro zu tun hat, erklären der neue Chef des ifo-Instituts (und Nachfolger Hans-Werner Sinns), Clemens Fuest, und der Ökonom Johannes Becker. Wie Odysseus dem Gesang der Sirenen, so hätten die EU-Mitgliedstaaten der Verführungskraft neuer Schulden zu widerstehen. Die zentrale Schwäche der Eurozone sei die Unfähigkeit, sich glaubwürdig auf ein Verhalten in der Zukunft festzulegen. „All die Regeln und langfristigen Verträge, die nun an der Unfähigkeit zur Selbstbindung scheitern, hätten Geltung und würden den Mitgliedstaaten die Möglichkeit geben, gemeinsam und koordiniert aus der Krise und auf einen höheren Wachstumspfad zu finden.“ (S. 130)

Um die Eurokrise zu überwinden, schlagen Fuest und Becker ein Fünf-Punkte-Programm vor. Dabei geht es ihnen nicht darum, den gordischen Knoten zu zerschlagen, sondern eine Zielvorstellung für die nächsten zehn Jahre zu formulieren. Reformbedarf besteht insbesondere bei der Regulierung der Banken (hier sehen sie zu Recht ein Umsetzungsproblem), bei der Schuldenkontrolle (Die vorgeschlagene Lösung besteht in Accountability Bonds, die von Mitgliedstaaten automatisch begeben werden müssen, wenn das Defizit die Grenze von 0,5 Prozent des BIP überschreitet. Vgl. S. 221), bei der Staatenrettung (Rettungsroutinen sind zu formulieren), bei der Restrukturierung (Es muss einen nachhaltigen Schuldendienst für Krisenländer geben) und schließlich bei der Europäischen Zentralbank, die in der Krise zu viele Aufgaben übernommen hat (Die Verantwortlichkeit der EZB für die Geldpolitik muss gestärkt werden). Insgesamt läuft dieses Programm „auf eine Beschneidung der Macht und des Einflusses des Europäischen Rates und des Ministerrates hinaus sowie auf eine Zurechtstutzung der Kommission auf koordinierende beziehungsweise beratende Funktionen und eine Verengung des Mandats für die EZB“ (S. 223). Angemerkt sei, dass sich die Autoren, was die Chancen auf Umsetzung der  Reformen angeht, sehr zurückhaltend geben. Zudem überwiegt die Sorge um die Rolle Deutschlands, Europas „zögerlichem Hegemon“. „Für ein Land, das mehr als ein Viertel der Kosten jedes Fehlers in der Eurozone trägt“, wäre ein überzeugendes Konzept zum Umgang mit der Krise nötig (S. 252). Deutschland bräuchte, so die Autoren, eine klare Vorstellung darüber, wohin die Reise gehen soll.   Alfred Auer

Bei Amazon kaufenBecker, Johannes; Fuest, Clemens: Der Odysseus-Komplex. Ein pragmatischer Vorschlag zur Lösung der Eurokrise. München: Hanser, 2017. 285 S., € 24,- [D], 24,70 [A] ; ISBN 978-3-446-25461-9