Das Universum in der Nussschale

Ausgabe: 2001 | 4

Stephen Hawking Das Universum in der Nussschale„Gott würfelt nicht“, lautet ein berühmter, besonders von Theologen gerne zitierter Satz von Albert Einstein, mit dem dieser die von Werner Heisenberg entdeckte Unschärferelation als Humbug abtat. Dass der Schöpfer der Relativitätstheorie in diesem Punkt irrte, stellte sich im Lauf des 20. Jahrhunderts zweifelsfrei heraus. Gott hat nämlich, wie der Physiker Stephen Hawking meint, „eine ziemlich ausgeprägte Spielernatur“: „Man kann sich das Universum als riesiges Casino vorstellen, in dem bei jeder Gelegenheit Würfel geworfen und Rouletteräder gedreht werden“ (S. 87).

Nicht immer gelingt es Hawking, physikalische Erkenntnisse über unsere Welt in ein so anschauliches Bild zu kleiden. Das liegt freilich nicht an einem Mangel an didaktischer Begabung, sondern an der Abstraktheit der modernen Physik. Deren Theorien sind so weit jenseits des menschlichen Vorstellungsvermögens angesiedelt, dass sogar die ausgeklügelten und hochästhetischen Illustrationen dieses Bandes nicht mehr als einen schwachen Abglanz ihrer Modelle zu geben vermögen. Gelangte Einstein zum Postulat einer unbegrenzten, aber endlichen gekrümmten vierdimensionalen Raumzeit, so rechnet man heute bereits mit einer schwindelerregenden elfdimensionalen Supergravitation. Die allgemeingültige Weltformel, die das Universum erklären würde, ist indessen noch nicht gefunden.

Mit seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Zeit“ hat Hawking 1988 bereits einmal den heroischen Versuch unternommen, interessierten Laien moderne Theorien über die Entstehung und Entwicklung des Universums begreiflich zu machen. Damals scheiterte ein beträchtlicher Teil des Publikums an den, wie der Autor meinte, ohnehin sehr spärlich eingestreuten mathematischen Formeln und allgemein am doch ziemlich anspruchsvollen Niveau der Darstellung. Mit seinem neuen Buch begibt sich Hawking deshalb noch tiefer in die Niederungen des physikalischen Unverstands. Von pädagogischem Eros beseelt, hat er die mathematischen Formeln fast ganz eliminiert. Er versteht es, spannend zu erzählen, eigenwillige Forscherpersönlichkeiten zu porträtieren und seriöse Wissenschaftlichkeit mit einer Prise englischen Humors zu würzen.

Hawkings Zukunftsprognosen für die Menschheit überraschen wenig. Er sieht Weltraumreisen, Supercomputer und gentechnisch konstruierte Übermenschen voraus, alles freilich „unter der Voraussetzung, dass wir uns in den nächsten hundert Jahren nicht selbst zerstören" (S. 177), was nicht auszuschließen sei. Hawking schließt insbesondere die Gefahr eines biotechnologischen Megagaus nicht aus. Auf alle Fälle, so der geniale Physiker,  aber werde unsere Zukunft ganz anders aussehen als in "Star Trek". R. L.

Bei Amazon kaufenHawking, Stephen: Das Universum in der Nussschale. Hamburg: Hoffmann u. Campe, 2001. 224 S. , € 25,50 / DM 49,90 / sFr 44,50 / öS 369,-