„Wer reich ist, zahlt keine Steuern“, „Klassengesellschaft – die Vorrechte der Geburt kehren zurück“, „Die Privilegien der Reichen“, „Schulden – das Schwungrad der Umverteilung“ – Allein diese Kapitelüberschriften zeigen an, dass der Autor, von Beruf eigentlich Asienwissenschafter, kein gutes Haar am gegenwärtig dominanten Wirtschaftssystem lässt.

 

Jenner problematisiert – wie andere auch – die Verschiebung der Steuerlast weg von den Unternehmen und Selbständigen hin zu den abhängig Beschäftigten (so ist der Anteil der Lohnsteuer in Deutschland von 34 Prozent im Jahr 1950 auf 80 Prozent im Jahr 2005 gestiegen, die Körperschaftssteuer sowie die veranlagte Einkommenssteuer der Selbstständigen sind hingegen von 27 bzw. 39 Prozent auf 11 bzw. 7 Prozent geschrumpft (S. 25); oder – um auch ein österreichisches Beispiel zu bringen: „64 Prozent aller Unternehmen in Österreich (51.551 GmbHs und 886 Aktiengesellschaften) wollen schon 1999 so gewirtschaftet haben, dass kein zu versteuerndes Einkommen übrig blieb“ (S. 26).

 

Alarmierend ist für den Autor der negative Umverteilungseffekt des Zinseszinssystems, das „im Schnitt bereits 31 Prozent der Warenpreise“ verursache und Geld zu den ohnedies Begüterten verschiebe, denn nur sie sind in der Lage Kredite zu geben („Heute bezahlt die arbeitende Mehrheit die Lohnsteuer gleich zweimal – einmal an den Staat und einmal an ihre begüterten und von Steuern verschonten Nachbarn.“ S. 51). Damit in Zusammenhang bringt Jenner eine andere Negativspirale, jene der Verschuldung von Unternehmen sowie öffentlicher und privater Haushalte. Verschuldung mache nur dort ökonomisch Sinn, wo durch die Investition genug Wachstum entsteht, um die Rückzahlung der Schuld samt Zinsen nebst einem Mehrwert zu gewährleisten. Dies sei mittlerweile immer häufiger nicht der Fall. Neben der problematischen Staatsverschuldung („Privatisierungen sind immer nur Umschuldungen“, S. 77) führe auch die Verschuldung von Unternehmen zu wirtschaftlichen Risiken, so Jenner, da diese auf gesättigte Märkten treffen, mit ein Grund, warum die Spekulation mit Finanztiteln über Hand nehme. Da Gläubiger wie Schuldner diese Zwangslage nicht wahrnehmen wollen, spricht der Autor von einem „Pyramidenspiel“, das irgendwann einmal – analog den bekannten Kettenspielen – zusammenbrechen müsse.

 

Zur Beendigung dieser Negativspirale, die zu immer mehr Akkumulation von Vermögen bei den Reichen führt, schlägt Jenner etwas vor, was offensichtlich schon John Meynard Keynes in Erwägung gezogen hatte, die Einführung eines Negativzinses. Wer Geld hortet, wird mit einer Steuer belastet, wer dieses den Banken für – von einer Umlaufsicherungsgebühr abgesehen – zinsfreie Kredite zur Verfügung stellt, behält dieses in realer Höhe: „Dem Mehrwert des Geldes – der heutigen Basis für die unerhörten Privilegien einer Minorität – wäre mit einem einzigen Schritt die Grundlage entzogen, aber ohne dass deswegen das Geld für notwendige Investitionen ausbleiben würde.“ (S. 165) Anders als Regionalwährungen und Tauschsysteme, die immer nur Marktnischen besetzen, würde diese Reform das System insgesamt verändern. Warum das schlüssig klingende Konzept nicht umgesetzt wird, bleibt freilich offen. Die Widerstände bzw. Einwände dagegen werden vom Autor leider nicht thematisiert.

 

Vielmehr geht dieser im zweiten Teil des Buchs auf weitere Möglichkeiten der Umsteuerung ein. Einer davon bezieht sich auf die globale Zurückdrängung der Exportwirtschaft. Der begrüßenswerten „Globalisierung von Wissen und Können“ sollte nach Jenner eine „Regionalisierung der Erzeugung“ gegenübergestellt werden, denn „Vor-Ort-Produktion“ verschaffe den entwickelten wie den Entwicklungsländern entscheidende Vorteile. Internationale Konzerne sollten daher angehalten werden, „in jedem Wirtschaftsraum vor Ort produzieren“ zu müssen. Auch dieser Vorschlag hat hohe Plausibilität und empfiehlt einmal mehr das Überdenken der überbordenden Freihandelsidee, die – zumindest bislang – den Ärmeren keine Vorteile gebracht hat und bei uns zu immer größeren Turbulenzen führt. H. H

 

Jenner, Gero: Das Pyramidenspiel. Finanzkapital manipuliert die Wirtschaft. Wien: Signum, 2008. 319 S., € 19,90 [D], 20,15 [A], sFr 33,80

 

ISBN 978-3-85436-394-1