Heike Hermann über Bürgerforen als lokalpolitisches Experiment in der sozialen StadtUntersuchungsgegenstand dieser überarbeiteten Dissertation ist ein soziales Stadtentwicklungsprojekt in Hamburg mit dem Hauptaugenmerk auf ein kommunales Armutsbekämpfungsprogramm. Der Bogen der Untersuchung spannt sich von den theoretischen Grundlagen und Diskussionen der neueren Demokratietheorien westeuropäischen Zuschnitts und der Zivilgesellschaft hin zu soziologischen Theorien über Kommunikation und Gruppenverhalten sowie zur Entstehung und Entwicklung von Organisationen.

Ausgangspunkt ist die veränderte Situation, in der sich die Lokalpolitik, aber auch die lokale Verwaltung befinden. In den 90ern hat sich für das politisch-administrative System ein Wandel der politischen Ausrichtung ergeben. Es hat sich das ökonomische und soziale Umfeld in der Stadt selbst, aber auch die Ansprüche an die Bürokratie stark verändert - in Richtung einer sozialen Stadtentwick-lungspolitik und einer notwendigen Effizienzsteigerung in der Verwaltung. Was geschieht ist eine Auslagerung bestimmter Politikfelder und Aufgaben an die Bevölke-rung. Das Armutsbekämpfungsprogramm wurde von Seiten der Politik mit der Zielsetzung der Schaffung einer Selbstorganisation der betroffenen Bürger initiiert. Welche Erfahrung damit gemacht wurden, wird in diesem Buch dargestellt.

Im Zentrum steht der Diskurs im städtischen Raum, in dem sich Kommunikation verdichtet: die Analyse der Abstimmungsprozesse, die Vergesellschaftung und Integ-ration von Individuen in einem initiierten Bürgerforum mit Hilfe von Intermediären. Als kommunikationstheoretische Grundlage dient das Habermas´sche „Schleusenmodell“, das versucht, die Kommunikation zwischen der Peripherie (Öffentlichkeit) und dem Kern (politisch-administrative System) darzustellen.

Die wissenschaftliche Evaluierung eruiert die Entwicklung hin zur Selbstorganisation und sucht zudem die grundlegenden Unterschiede zwischen den Zielsetzungen der Politik und jenen der zivilen Gesellschaft zu erfassen. Die Evaluierung der Kommunikationsströme ergibt eine Ungleichheit zwischen der Kommunikation der Forumsmitglieder untereinander sowie zwischen Bürgerforum und Verwaltung. Während sich – so der Befund – die Mitglieder des Forums untereinander argumentativ ausei-nandersetzen und zu einem Konsens gelangen, reden das Forum und die lokale Verwaltung aneinander vorbei. Erst als das Bürgerforum die Sprache der Bürokratie auf-nimmt, ist eine erfolgreiche Kommunikation möglich.

Ein Kritikpunkt ist die Abhängigkeit des Bürgerforums von den finanziellen Mitteln der Stadt. Hier greift die Lokalpolitik und –verwaltung regulierend ein und kann so die Zielvorstellungen der Stadt durchsetzen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Zusammensetzung des Bürgerforums. Die Autorin zeigt die Bedeutung von Sprache anhand des nur gering vorhandenen Engagements unterer Bildungs- und Einkommensschichten und des Überhangs der Mittelschicht auf. Aber auch das Fehlen der Unternehmensseite im Forum wird thematisiert.

Interessant wäre ein Vergleich mit den kommunalen Foren (nicht nur) in Hamburg, um eine Erweiterung des Wissens über den Zusammenhang von Kommunikation in losen Vereinigungen und zivilgesellschaftlichen Engagement zu erlangen. N. S.

Bei Amazon kaufenHermann, Heike: Bürgerforen. Ein lokalpolitisches Experiment der Sozialen Stadt. Opladen: leske+budrich, 2002. 300 S. (Forschung Sozio-logie; 125) € 29,80; ISBN 3-8100-3183-6