Mark Greif wird jetzt viel gelesen. Die „Occupy“- Bewegung der vergangenen Jahre hatte bewusst auf Führer und Sprecher verzichtet. Deswegen hat sich die Öffentlichkeit einen gesucht. Und man hat sich für Mark Greif entschieden. Dieser sträubt sich nicht dagegen, schreibt für eine junge, undogmatische kapitalismuskritische Zeitschrift, die „n+1“ heißt, und ist anders als die Vorredner anderer politischer Bewegungen. In „Bluescreen“ liegen Essays von Mark Greif auf Deutsch vor, die uns eine Idee bekommen lassen, worüber er gerne schreibt und was er sagen will. Greif geht es um die Ästhetisierung unseres Lebens. Darunter versteht er eine Dramatisierung, Narrativisierung. Wir glauben, unser Leben als ein Kunstwerk entwerfen und gestalten zu müssen. Durch diese Ästhetisierung werden die Emotionen und Leidenschaften, die wir eigentlich mit Kunst verbinden, auf die gesamte Lebenswelt übertragen, wie Greif neulich in einem Interview erklärte. „Leben lässt sich heute fassen als Produktion von Erfahrungen, es folgt Strukturen des Dramas. Diese Dramen erschaffen in der Gegenwart in erster Linie Helden jenes Typs, den man früher auf Theaterbühnen vorfand, in jüngerer Zeit auf Kinoleinwänden und Fernsehbildschirmen.“ (S. 18) Auch wenn es weniger klassi-sche Wendepunkte wie Krieg, Hochzeit, große unumkehrbare Entscheidungen gibt, so leben wir doch mit einem Gefühl der Ereignishaftigkeit unseres Daseins. Das gelinge durch die Narrative der Medien. Diese Ästhetisierung steht im Gegensatz zu jenen inneren Bewusstseinsformen, die man etwa mit dem Roman in Verbindung bringe, so der Autor in „Bluescreen“. Damit ist – weitgehend in Greifs Worten – das Thema beschrieben, auf das er immer wieder zurückkommt. Ob er über die Kunst der 1980er-Jahre, Sex oder Reality-TV schreibt, immer wieder taucht die Frage der Ästhetisierung auf. Greif assoziiert gerne, seine Gedanken mäandern durch das Thema. Er ist spannend zu lesen, weil man nicht weiß, was kommt. Er inspiriert, aber er treibt zur Verzweiflung, wenn man nach klaren Definitionen sucht. Am klarsten ist er in seinem politischsten Essay „Gesetzgebung aus dem Bauch heraus oder: Umverteilung“. (S. 100 ff.) Nach einer Beschwerde, dass er gezwungen werde, diesen Text zu schreiben, fordert er einen 100prozentigen Steuersatz für Einkommen über 100.000 Dollar im Jahr und ein Grundeinkommen von 10.000 Dollar für jeden pro Jahr. Er würde nur wahren Besitz schützen, Besitz, der wirklich zu einer Person gehört, wie Kleidung, Haus, Dinge, die die Person berührt und benutzt. Keinen Schutz würde er indes jener Art von Reichtum gewähren, der keinen Nutzen mehr mit sich bringt, Reichtümer, die ihr Besitzer nicht täglich berühren, tragen oder beschreiten kann. Interessant ist Greifs positiver Bezug auf den Individualismus. Die Kritik der Ästhetisierung weist schon auf die Verteidigung des Individuums hin. Ökonomische Ungleichheit erzeuge ein System, das alle Menschen drastisch einschränke, indem sie jedem Einzelnen einen Platz in einer Rangordnung zuweise, die „in der Hölle beginnt und bis zum Mond“ reiche. Das Wesen des Individualismus liege in Fähigkeiten, Talent, Handlungen und Erzeugnissen, die von einem selbst vollbracht oder produziert werden (S. 111). Was tun? Greif stellt die Frage selbst: „Wie können wir zu einem sinnvollen Leben zurückkehren? Indem wir weiterhin alles ästhetisieren, bis die Ästhetik des hektischen Strebens einfach in die Luft fliegt? Mithilfe der anästethetischen Strategien, die ich in diesem Essay beschrieben habe? Also indem wir „Erfahrungen“ wieder als reine neutrale Begebenheiten wahrnehmen, die sich nicht länger zur Dramatisierung eignen?“ (S. 152) S. W.

 

Greif,Mark : Bluescreen. Essays. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2011. 231 S., € 15,00 [D], € 15,50 [A], sFr 25,5ISBN 978-3-518-12629-5