Elke Gruber Beruf und BildungDer Untertitel des Werkes ist sein Programm: Modernisierung, der viel beschriebene und oft beschworene, widersprüchliche, bruchhafte (und auch schon abgenutzte ?) Begriff steht hier im Hinblick auf Bildung und Weiterbildung auf dem Prüfstand.

Die Verfasserin, a.o. Professorin an der Abteilung für Weiterbildung des Instituts für Erziehungswissenschaften der Universität Graz, hat sich durch viele Jahre schwerpunkthaft mit gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen und deren Bedeutung für die berufliche Qualifizierung von Menschen in sich rasant wandelnden Zeiten auseinander gesetzt.

Das vorliegende Buch fasst zum einen diesen Erkenntnisschatz zusammen und entwickelt – vor diesem Hintergrund –  zum anderen fundierte, praxisrelevante Vorschläge für die berufliche Bildung auf dem zweiten Bildungsweg.

Bildung und Weiterbildung sind nicht nur „Getriebene“ der Modernisierung, sondern treiben Modernisierungsprozesse ihrerseits auch an, so im wesentlichen die Hauptthese des Buches. Die Modernisierungsdynamik bringt das Bildungswesen praktisch permanent unter Reformdruck. Aktuelle „Produkte“ davon sind etwa die Modularisierung von (Weiter)Bildung oder die Flexibili-sierung und Ent-Standardisierung von Strukturen und Lernorganisationen. Andererseits werden damit wieder Entwicklungen vorangetrieben, die die Bildungsgewohnheiten und Karriereverläufe der Menschen in Richtung Zwang zum lebenslangen Lernen tiefgreifend beeinflussen.

Wie ein „Roter Faden“ ziehen sich die Begriffe Differenzierung, Rationalisierung, Individualisierung, Domesti-zierung, Globalisierung und Flexibilisierung durch die Arbeit. Im ersten, theoretischen Teil wird der Versuch unternommen, anhand dieser sechs Leitbegriffe Prozesse und Hintergründe der bildungsrelevanten Modernisierungsdiskussion zu klären und zu verdeutlichen. In der Folge geht die Darstellung ein auf das Konzept der Wis-sensgesellschaft, ihre Hintergründe und die Bedeutung und Folgen für die Modernisierung in Bildung und Weiterbildung.

Der zweite Hauptteil bringt eine empirische Untersuchung, die sich mit der Frage von Kompetenzentwicklung in Berufsfeldern unter den Bedingungen heutiger Moder-nisierungsdynamik beschäftigt. Als Beispiel  wurden mehrere Hundert MitarbeiterInnen  im bühnen- und verwaltungstechnischen Bereich des Wiener Burgtheaters, der Salzburger und Bregenzer Festspiele sowie der Grazer Oper mittels Fragebogen bzw. Interviews u.a. über ihre Weiterbildungsmotive, aktuelle und zukünftige Qua-lifikationsbedürfnisse und künftige Weiterbildungsformen befragt.Die theoretischen Reflexionen bilden mit den Befragungsergebnissen schließlich die Basis, auf der die Autorin Forderungen und Strategien für künftige Qualifizierungsmodelle in der beruflichen Aus- und Weiterbildung entwickelt.


Als zentrale Aussage könnte die Forderung nach Schaffung geeigneter rechtlicher Grundlagen herausgelesen werden, damit ArbeitnehmerInnen in einer vertretbaren Zeit und unter Anrechnung bisher erworbener Qualifikationen und erbrachter Dienstzeiten – bei Bedarf mehrmals(!) – einen anerkannten Berufabschluss im zweiten Bildungsweg erwerben können.

Das Werk ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: u.a. in der fundierten Analyse der Hintergründe und Dynami-ken gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse und ihrer Bedeutung für Bildung und Weiterbildung, in der Diffe-renziertheit der Betrachtungsweisen und natürlich im Entwurf des Qualifizierungsmodells. Der Schrift ist Einfluss bei der künftigen Gestaltung der (österreichischen) Weiterbildungslandschaft zu wünschen. M. W.

Bei Amazon kaufenGruber, Elke: Beruf und Bildung – (k)ein Widerspruch? Bildung und Weiterbildung in Modernisierungsprozessen. Innsbruck: Studienverl., 2001, 416 S. (Bildung und gesellschaftliche Entwicklung; 4) € 37,- / DM 74,- / sFr 67,- / öS 538,-