In der Wissenschaft stellt sich die grundsätzliche Frage, wie man zu jeweiligen Problemen bestmögliche Lösungen findet und wie diese zu begründen sind. Im Sinne des "erwägungsorientierten Forschungsansatzes" ist das Bedenken von Alternativen entscheidend, und Lösungen auch erst dann optimal zu begründen, "wenn zuvor problemrelativ die denkmöglichen Alternativen erwogen wurden". Mit diesem Schwerpunkt konstituierte sich Ende der 80er Jahre eine Gruppe, die nunmehr ihre Forschungsergebnisse in Buchform vorstellt.

Einer der Herausgeber, Frank Benseler, referiert zunächst über den ,,(un-)heimlichen Dezisionismus" der Wissenschaft und geht davon aus, daß in der Forschung Entscheidungen oft unabhängig von der Richtigkeit ihres Inhalts entstanden sind. Möglichkeiten der Entwicklung von Alternativen sieht er in einer "Kultur lösungsvorbereitender Erwägung". "Eine ,Kunst der Vorausschau'. die in utopisch alternativer Erweiterung der Vorstellungen über den Rahmen der ,real existierenden Wirklichkeit' hinausgeht, ohne die heute üblichen linearen Extrapolationen einfacher Sachverhalte zu vernachlässigen, ist heute die Aufgabe des Tages, das Gebot der Stunde."

Bettina Blanck schlägt, ein Stück weitergehend, vor, daß "neben der Ebene der Konkurrenz eine Ebene der Integration mit einem spezifisch erwägenden Umgang mit Alternativen institutionalisiert" werden sollte. Im Konzept einer Erwägungsforschung für “nicht-patriarchale" Wissenschaften beschäftigt sie sich auch mit dem notwendigen Wandel der Mentalität. Neben Aufsätzen zur Erhöhung des Theoretisierungsniveaus und methodischen Überlegungen zur Vielfalt in den Sozialwissenschaften beschreibt Werner Loh Voraussetzungen und Hindernisse eines Philosophierens mit Alternativen. S. E. könnte die "erwägende Vernunft einer schwach gewordenen Philosophie ... neue Kräfte geben, nicht um sich außerordentliche Kompetenz anzumaßen, sondern um auch kompetent zu werden, (auch die eigenen) Inkompetenzen aufzeigen zu können". Insgesamt wird das Fehlen einer entsprechenden Forschungstradition beklagt, obwohl sich in wissenschaftstheoretischen Arbeiten Argumente für eine Bewahrung von Alternativen ... finden lassen".

AA

Alternativer Umgang mit Alternativen. Aufsätze zu Philosophie und Sozialwissenschaften. BenseIer, Frank ... (Mitarb.). Opladen: Westdt. Verl., 1994. 2855., DM/sFr49,-/öS 382