Im Wartesaal zur Zukunft wird es lebendig: Das Jahr 2000 weckt Erwartungen, fordert Stellungnahmen, die von der globalen Apokalypse bis hin zur Vision einer humaneren Zukunft reichen. Was 33 teils bekannte, teils zu entdeckende Autoren - Literaten, Philosophen, Wissenschaftler und Politiker - in essayistischer Form vorlegen, bestätigt die These H. M. Enzensbergers, wonach "der Zukunftspluralismus zur Innenausstattung der Normalität gehört". Auch wenn sich über Geschmack bekanntlich nicht streiten lässt, so sind die jeweils zur Schau gestellten Ansichten ebenso diskutierbar wie die verheißungsvollen Titel, nach denen die Beiträge gegliedert sind. Im Abschnitt "Unter dem Makroskop" werden einleitend globale Perspektiven in düster provozierenden Tönen angeschlagen. "Ob uns zukommt, was auf uns zukommt" thematisiert dagegen die Zeit als solche, wobei nicht nur N. Luhmann vertrackte Formulierungen wählt, um für ein Ende der ..langweiligen Kontroversen" zwischen utopischer und technokratischer Theorie zu plädieren. Dass indes der Zugriff der Technik die Aussicht auf eine von menschlichem Maß geprägte Zukunft gefährdet, zeigen von unterschiedlichen Standpunkten aus u.a. Paul Virilio ("Die Automatisierung der Wahrnehmung") und der hervorragende Beitrag B. Guggenbergers über unsere" Kultur der Effizienz", die Zerstörung von Natur und Lebenssinn zur Folge hat. In den teils bedrohlich sich auftürmenden metaphysischen Konstrukten verdienen die klaren Überlegungen des Ungarn G. Konrad zu einer "Interkommunikativen Architektur" sowie der Beitrag S. Lehms zur" Vergangenheit der Zukunft" hervorgehoben zu werden.  Es mag an der zwei Jahre zurückliegenden Konzeption des insgesamt doch wichtigen Bandes liegen, dass Aspekte einer anderen gesellschaftspolitischen Architektur in Europa kaum angesprochen wurden. Oder sollte es die bleierne Schwere des Faktischen sein, die der Phantasie die Flügel bindet? 

Vor der Jahrtausendwende. Berichte zur Lage der Zukunft. Hrsg. v. Peter Sloterdijk 2 Bde. FrankfurtJM.: Suhrkamp, 1990.731 S. (es 1550) DM 28,-/sFr24,80/ öS 218,40