Wachstumswahn

Ehrlicher und konsequenter als etwa der Aufruf zum “intelligenten Verschwenden” des Cradle to Cradle-Erfinders Michael Braungart, wenn auch wahrscheinlich weniger verkaufsträchtig, ist der Titel des Buches „Wachstumswahn“ von Christine Ax und Fritz Hinterberger. Die beiden beschreiben zunächst den Hintergrund der Wachstumsgläubigkeit, nämlich den Erfolg des Wirtschaftswunders, an den Ländern Deutschland und Österreich – die Philosophin Christine Ax stammt aus Hamburg und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Zukunft des Handwerks sowie einer Neubestimmung von Arbeit, der Ökonom Friedrich Hinterberger ist Direktor des in Wien situierten Sustainable Research Institute (SERI). Dieser Erfolg wird durchwegs gewürdigt, doch sei das Wirtschaftswachstum an seine Grenzen gestoßen bzw. habe diese bereits überschritten. Das Festhalten daran sei daher kontraproduktiv.

Neben den mittlerweile bekannten ökologischen Argumenten werden dabei auch handfeste ökonomische Gründe ins Treffen geführt: der abnehmende Grenznutzen weiterer Güteranhäufung, wenn ein bestimmtes materielles Niveau erreicht ist; das Überhandnehmen der sogenannten Negativkosten, die sich in Umwelt- wie in Innenweltzerstörung (zunehmender Stress) äußerten oder das Abflachen der Produktivitätsfortschritte und Wachstumsmargen in Dienstleistungsgesellschaften, da sich eben Dienstleistungen nur begrenzt rationalisieren lassen.

Ax und Hinterberger bringen in ihr Buch vielfältiges Wissen und Erfahrungen aus mehreren Jahrzehnten Umweltforschung sowie Beratungstätigkeit für Unternehmen und die öffentliche Hand ein; für ein Sachbuch ungewöhnlich, der Lesbarkeit aber sehr zuträglich sind jedoch auch die eingestreuten Tagebuchnotizen, die die Jahrzehnte seit dem Beginn des Wirtschaftswunders in den 1950er-Jahren über die ersten Debatten zu den Grenzen des Wachstums bis zu den aktuellen Nachhaltigkeitsdiskursen Revue passieren lassen. Ein gut geschriebenes, wirtschaftliche Zusammenhänge anschaulich erklärendes Buch, das attraktive, plausible Wege in eine Postwachstumsökonomie weist. Die Hoffnung: die weitere Steigerung der materiellen Güter führt nicht mehr zu mehr Zufriedenheit, neue Arbeitszeitmodelle ermöglichen Vollbeschäftigung jenseits der 40-Stundenwoche und eine faire Verteilung des Erwirtschafteten tritt an die Stelle des weiteren Wachstums.

Hans Holzinger

Ax, Christine; Hinterberger, Fritz: Wachstumswahn. Was uns in die Krise führt und wie wir wieder herauskommen. München: Ludwig 2014. 367 S. € 17,95 [D], 18,50 [A], sFr 21,90 ISBN 978-3-453-28054-0

“Die Maßnahmen, die der Staat bei geringem Wachstum ergreifen kann, um die Arbeitslosigkeit zu senken und das Budget zu sanieren, sind eine 10-prozentige Arbeitszeitverkürzung, eine ökosoziale Abgabenreform, der Abbau umweltkontraproduktiver Subventionen und die Förderung der Dienstleistungsnachfrage durch private Haushalte.” (Ax/Hinterberger S. 324)

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