Dem Land geht es schlecht

Der Titel dieses „Traktats über unsere Unzufriedenheit“ leitet sich von einem Zitat von Oliver Goldsmith ab, dem bereits 1770 klar war, dass wo Reichtum sich häuft und Menschen zugrunde gehen es dem „Land schlecht geht“. Die Zitate, die Tony Judt den Kapiteln voranstellt oder auch im Text einstreut, gehören zum Schönsten an diesem Buch, das aus dem Abschiedsvortrag des bereits schwer kranken Historikers vor der New York University entstand. Er scheint mit Leichtigkeit und großer Treffsicherheit aus einem überreichen Fundus geschöpft zu haben!

Das enorme, auch internationale Echo auf diesen Vortrag über die Sozialdemokratie hat ihn bewogen, in seinen letzten Lebensmonaten sich der Mühe zu unterziehen, daraus ein Buch zu machen – und damit wiegt es schwer wie ein Vermächtnis, ohne einem solchen Anspruch gerecht werden zu können (oder zu wollen?). Es sind viele Gedanken angerissen, es blitzt immer wieder das große Wissen und Engagement des Autors für einen starken Staat und gegen dessen drohende Demontage durch einen entfesselten Markt auf, aber Antworten auf selbst gestellte Fragen bleibt er oft schuldig. „Wie wird es weitergehen?“ – die viel versprechende Überschrift des 6. Kapitels, führt zu der Antwort: „Die Sozialdemokratie steht nicht für eine ideale Zukunft, sie steht nicht einmal für die ideale Vergangenheit. Aber von allen Optionen, die uns zur Verfügung stehen, ist sie die beste.“ Aber wer ist uns? Und ist das die „neue Sprache“, die er fordert, um die seiner Meinung nach völlig an Politik desinteressierte Jugend zu begeistern, um die Empörung, die er fordert, wachzurufen?!

Großartig zwar, wie Tony Judt immer wieder neue Entwicklungen aus historischen Zusammenhängen heraus beleuchtet und diskutiert, aber die beiden letzten Jahrzehnte als „Verlorene“ zu charakterisieren, ohne auch nur ansatzweise Ideen oder Visionen darzustellen, wie ein Staat, ein „Land“ im Zeitalter der Globalisierung im Vergleich zum Nationalstaat des 19. Jahrhunderts aussehen könnte, lässt uns (die Unzufriedenen?) etwas ratlos und stöhnend unter der Last einer notwendigen aktiven Zukunftsgestaltung zurück. Die Last wird noch etwas schwerer, wenn man bedenkt, dass zu den „klassischen Problemen“ der Ungerechtigkeit, der sozialen Frage, noch die ökologische Frage getreten ist, die sich für Judt höchstens am Rand stellt, wie leider für fast alle Sozialdemokraten. H. R.

Judt, Tony: Dem Land geht es schlecht – Ein Traktat über unsere Unzufriedenheit. München (u. a.) Hanser, 2011. 192 S.,€ 18.90 [D], 19,40 [A], sFr 28,90

ISBN 978-3-446-23651-6

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