Ian Morris hat vor vier Jahren die Frage gestellt, warum manche Zivilisationen herrschen und andere beherrscht werden (Die Welt regieren, Rezension in proZukunft 2/2011). Dabei versuchte er zu erklären, dass gesellschaftliche und geographische Wechselwirkungen entscheidend sind. Irgendwann beim Schreiben des Buches habe er bemerkt, dass er immer wieder über Kriege schreiben musste. Das brachte ihn zu der Frage, warum Kriege diese herausragende Bedeutung in der Formierung von Zivilisationen hatten. (S. 30)

Darum geht es in seinem aktuellen Buch „Krieg – Wozu er gut ist“. Hier liefert Ian Morris vier Argumente, die zu einer verstörenden Lobpreisung des Krieges führen. Das darf man nicht falsch verstehen: Ian Morris leugnet nicht die Gräuel des Krieges. Er meint aber, dass Krieg zu Fortschritt und Sicherheit geführt hat.

Kriege haben (erstens) dazu geführt, dass immer größere Reiche, Staaten und Gesellschaften entstanden sind. Diese größeren Einheiten hätten ihren BewohnerInnen jeweils mehr Sicherheit bieten können als kleine Einheiten. Morris meint, dass (zweitens) Krieg „so ziemlich die einzige“ Methode war, diese größeren Gesellschaften hervorzubringen. Drittens „haben die von Krieg geschaffenen größeren Gesellschaften uns auch … reicher gemacht. Frieden schuf die Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum und steigenden Lebensstandard, so chaotisch und holprig der Prozess auch gewesen sein mag.“ (S. 16). Viertens bringe der Krieg sich selbst ums „Geschäft“. Die entwickelten Gesellschaften führen Krieg zunehmend in einer entwickelten Art, die ihn unmöglich machen: Die Waffen sind zu destruktiv, die Organisation zu effizient.

 

Geschichte der Gewalt


Auf knapp 500 Seiten wird dieses Argument anhand vieler Beispiele hergeleitet und illustriert. Morris geht dabei chronologisch vor, beginnt mit dem römischen Reich, diskutiert das Mittelalter, den Imperialismus, die Weltkriege und die aktuelle Situation. Morris betont, dass in Steinzeitgesellschaften noch zehn bis zwanzig Prozent der Menschen ermordet wurden. Einen gewaltsamen Tod im 20. Jahrhundert erlitten hingegen nur ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung. Diesen Rückgang der Gewalt hatte zuletzt Steven Pinker in seinem Werk „Gewalt“ konstatiert (proZukunft 1/2012). Morris spricht von Wellen: Zum ersten Mal nahm Gewalt in den antiken Reichen ab, sodass es am Ende des 1. Jahrtausends v. Chr. um drei Viertel weniger Menschen durch Gewalt starben als im Jahrtausend davor. Zwischen 200 und 1400 n. Chr. nahm die Gewalt zwar wieder zu, seitdem nehme sie ab. Pinker nannte als Gründe für diese Entwicklung das Gewaltmonopol des Staates, die wirtschaftliche Zusammenarbeit und Vernetzung, die Feminisierung der Gesellschaft, das Ende der regionalen Eingrenzung des Mitgefühls und den Gebrauch der Vernunft. Morris sagt nun, dass sei kein Widerspruch zu seiner These: Das Gewaltmonopol sei durch produktive Kriege entwickelt worden, alle anderen Gründe Pinkers seien Folgen des durch Kriege erreichten Friedens „und keine unabhängigen Ursachen, die für sich stehen.“ (S. 390)

An diesem Punktwird klar, dass Morris‘ Betonung des Krieges hinterfragt werden kann. Wenn er Krieg als Grundlage zivilisatorischer Fortschritt sieht, was waren dann die Voraussetzungen dieser Kriege? Wo beginnen die Kausalketten? Ist es nicht fruchtbarer, woanders anzusetzen, als bei der Form der Austragung von Konflikten? Und natürlich hat man ein flauesGefühl beim Lesen des Buches, dass wir eines Tages auf Entscheidungsträger treffen könnten, die Morris falsch verstehen und tatsächlich davon überzeugt sind, Krieg könne auch heute noch Fortschritt bringen.

 

Morris, Ian: Krieg – Wozu er gut ist. Frankfurt/New York: Campus, 2013. 527 S., € 26,99 [D],  27,80 [A], sFr 37,80 ; ISBN 978-3-593-39716-0