„Es ist also im Grunde ganz einfach: Die Niederländer sind genau wie wir, nur eben völlig anders.“ (S.30) Eben. Was wissen wir eigentlich wirklich von den Niederlanden, abseits von Tulpen, Käse und Windmühlen? Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich nicht nur so ferne Länder wie die Molukken, Papua Neuguinea oder Madagaskar als „terrae incognitae“, sondern sehr wohl auch die Staaten hier im vereinten Europa. Diese Wissenslücke versucht der vorliegende Band zu schließen. In einer Innen- und Außenperspektive - drei Beiträge sind aus deutscher und drei aus niederländischer Sicht geschrieben - spüren die (allesamt männlichen!) Autoren dem (meist oberflächlich) Bekannten nach: dem „klein, aber fein Mythos“, der die kulturelle Identität der ansonsten äußerst heterogenen Niederlande bestimmt, der vielgerühmten Liberalität, die sich dem deutschen Blickwinkel wesentlich anders präsentiert als dem des westlichen Nachbarn und v.a. dem niederländischen Wirtschaftsmodell, dessen „Vorbildlichkeit“ durchaus Grenzen gesetzt sind. Und wer Amsterdam kennt, kennt noch lange nicht Holland. Wie in den Großstädten Berlin oder Wien sind hier Dinge möglich, die für den Rest des Landes nicht unbedingt repräsentativ sind.

Was alle Autoren auszeichnet, ist die zwar kritische, aber sehr differenzierte und um Verstehen bemühte Auseinandersetzung mit dem jeweils Anderen. Die Differenz erklärend belassen zu können, ohne sie sofort bewerten zu müssen, erscheint mir als eine der Stärken dieses Buches. Obgleich die Beiträge einen speziellen Vergleich zwischen Deutschland und den Niederlanden ziehen, sind die analysierten Hintergründe über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auch für Österreich interessant. Vor allem das niederländische Beschäftigungswunder ist es wert, genauer unter die Lupe genommen zu werden. Kann Holland bei der Arbeitsmarktpolitik ein Vorbild sein? Günther Schmid kommt trotz aller Einwände und qualitativer Prüfungskriterien zu dem Fazit einer im Ansatz erfolgreichen Beschäftigungsstrategie, die durch massive Arbeits- und Einkommensumverteilung erreicht wurde.

Langzeitarbeitslosigkeit, soziales Sicherungssystem und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse harren aber auch hier noch der konstruktiven Lösungen.

Das Kernstück des Buches - Ralf Kleinefelds ausführliches Niederlande-Lexikon - liefert  vom Abriß der niederländischen Geschichte über die politische Kultur und deren Besonderheiten wie dem „Säulensystem“ bis hin zum Bildungs- und Rechtssystem einen tiefen Einblick in die niederländische Gesellschaftsstruktur. Ein zusätzlicher Serviceteil bildet den praktischen Orientierungsfaden für diejenigen, die dieses nur scheinbar kleine Land entdecken möchten. Die Niederlande sind allemal eine Reise wert und wer sie antritt, dem/der sei dieses Buch empfohlen. A. E.

Vorbild Niederlande? Tips und Informationen zu Alltagsleben, Politik und Wirtschaft. Hrsg. v. Bernd Müller. Münster: Agenda Verl., 1998. 247 S. (Agenda Zeitlupe; 13) DM 28,- / sFr 25,- / öS 198,-