Baustellen gibt es aber nicht nur in der Sozial- und Wirtschaftspolitik. Besonders groß scheint der Handlungsbedarf in den technischen Berufen zu sein. Es gibt beispielsweise bei bahnbrechenden neuen Erfindungen bedrückende Ideenlosigkeit, so das bittere Fazit von Autor Lars Reppesgaard. Er vermisst in seinem Buch (Kapitel 2: Bestandsaufnahme: das einfallslose Land der Ideen) die deutschen Technologie-Pioniere der Vergangenheit wie Carl Benz, Werner von Siemens, Gottlieb Daimler oder Robert Bosch. Zwar liege Deutschland nach Zahl der angemeldeten Patente weltweit hinter den USA und Japan auf Platz drei. Die Tatsache, dass allein bei Siemens im Jahr 2009 rund 7.700 Erfindungen (das sind 35 Erfindungen pro Arbeitstag) verbucht und rund  4.200 neue Patente angemeldet wurden, nimmt sich stattlich aus. Allerdings handelt es sich bei den Siemens-Erfindungen der Jahre 2008 und 2009 vor allem um Verbesserungen bereits bestehender Produkte. Als Beispiele nennt der Autor die etwas hellere Leuchtdiode, umweltfreundlichere Gasbrenneranlagen oder technisch überzüchtete Autos mit umständlicher Funktionalität oder die ICE-Züge, die letztlich zwar vollgepackt mit Elektronik, aber trotzdem überaus fehleranfällig seien. Wohl deshalb gäbe es für die deutschen Vorzeigezüge im Gegensatz zum französischen TGV kaum Exportnachfrage. Die deutschen Ingenieure seien allenfalls noch „Weltmeister der Wirkungsgrad-Optimierung“, sie arbeiten jedoch ohne die Inspiration und den Antrieb, etwas völlig Neues zu erfinden. Was ihnen fehlt sei der Geistesblitz, so Reppesgaard, der befürchtet, dass unserem „auf Erfindungen und Neuerungen angewiesenen Schlüsselsektor Industrie … langsam die Puste ausgeht, auch wenn die Patentzahlen ein anderes Bild vermitteln“ (S. 26).

 

 

 

Unkonventionelle Tüftler

 

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund knapper werdender Ressourcen und des Klimawandels gelte es, „schnell umzusteuern und radikal Neues zu wagen“ (S. 35). Der Autor macht sich deshalb auf die Suche nach sogenannten unkonventionellen Tüftlern, Querdenkern und technologischen Rebellen, den Vertretern einer „Wild Economy“ also, wie er sie nennt. Fündig geworden ist er in Hinterhöfen, Garagen, Labors und Wohnzimmer-Büros. Der Leser macht Bekanntschaft mit dem Ingenieur, der eine Zahnbürste baut, die mit Ultraschallwellen reinigt, mit dem Chemiker, der mit Hilfe von Proteinen Wasser filtert, dem Hamburger Pensionär, dessen Idee einer gewaltigen Solaranlage in der Wüste inzwischen im „Desertec“-Projekt realisiert wird. Sie hätten zwar alle „ein bisschen etwas Schräges“, beschreibt Reppesgaard den Charakter dieser selten gewordenen Spezies der neugierigen, idealistischen und manchmal recht unkonventionellen Tüftler; das aber sei dem Umstand geschuldet, dass sie mit ganzer Leidenschaft und viel Energie etwas Anderes denken und ausprobieren. Einer von ihnen ist Stefan Galus, der Entwickler des „E-Rocket“, das über 80 Stundenkilometer schnell fahren kann. Seine Erfindung ist ein Fahrrad mit Elektromotor, bei dem der Muskeleinsatz die Antriebskraft jedes Pedaltritts um das Fünfzigfache verstärkt.

 

 

 

Aufbruch in eine neue Ära

 

Damit die präsentierten Visionäre mit ihren Ideen und Innovationen Erfolg haben, brauchen sie neben einem überzeugenden Konzept vor allem zwei Dinge: eine gehörige Portion Mut und die Fähigkeit zu kommunizieren, so der Autor (S. 204). Angesichts der Wirtschaftskrise werden sogar Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit zu erstklassigen Verkaufsargumenten, denn „ein hoher Energieverbrauch ist auf Dauer ein echter Wettbewerbsnachteil“ (S. 208). Eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende innovative Wirtschaft sind auch kleine, unabhängige Strukturen, die sich je nach Bedarf zusammenschließen. Die Zukunft gehört den flexiblen Netzwerken, nicht beamtenmäßig geplanten Entwicklungsabteilungen. Darüber hinaus müssen Visionäre mit guten Argumenten viel Über- zeugungsarbeit leisten. Aber nur „die Macher der Wild Economy sind es, die den Mut aufbringen, das Undenkbare auszuprobieren, statt krampfhaft zu überlegen, wie sie Altbekanntem einen neuen Anstrich verpassen können“ (S. 240). A. A.

 

Reppesgaard, Lars: Wild Economy. Durchstarter, die unsere Gesellschaft verändern. Hamburg: Murmann, 2010. 243 S., € 19,90 [D], 20,50 [A], sFr 33,80

 

ISBN 978-3-86774-070-8