Nicht zuletzt im (unabgeschlossenen) Suchdiskurs nach dem Wesen der Nachhaltigkeit – und im Versuch der Konkretisierung, wie denn nachhaltige Gesellschaftsstrukturen konkret ausschauen und funktionieren könnten, ist auch das Interesse an und die Debatte um die Gemeingüter wieder verstärkt aufgekommen. Silke Helfrich, die langjährige Leiterin des Regionalbüros Mittelamerika, Mexiko und Kuba, hat mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung den vorliegenden Sammel band herausgegeben, der – mit allen Vorzügen und Schwächen von Sammelbänden – einen weiten Bogen spannt und viele Aspekte der Debatte abdeckt. Dass viele der AutorInnen sehr klare politische Ansichten haben und diese auch in ihren Beiträgen deutlich machen, verwundert bei einem Band der Heinrich-Böll-Stiftung nicht.

 

Zu Beginn wird der Begriff „Gemeingüter“ beschrieben und als durchgängige und vernünftige Übersetzung des englischen „Commons“ definiert. Dies ist wichtig, da – und auch darauf wird in dem Band mehrfach verwiesen – die oft synonym verwendete Bezeichnung „Allmende“ eine spezifischere Bedeutung hatte. Der Begriff „Allmende“ ist zudem, seit dem berühmten Artikel von Hardin aus dem Jahr 1968 über die „Tragödie der Allmende“ (wie der ursprüngliche Titel „The Tragedy of the Commons“ übersetzt wurde), tendenziell negativ belegt. David Bollier stellt in seinem Beitrag über „Gemeingüter – eine vernachlässigte Quelle des Wohlstandes“ denn auch klar, dass die von Hardin beschriebene fast zwangsläufige Übernutzung keineswegs dem Modell der Allmende entspricht, sondern dem Umgang mit einer natürlichen, begrenzten Ressource, wenn es keine wie immer gearteten Beschränkungen oder Nutzungsregeln gibt. Er resümiert: „...seine (nämlich Hardins, Anm.) Geschichte handelt nicht von Gemeinschafts-, sondern von Niemandsland! Commons, also Gemeingüter, sind etwas anderes. ... Sie haben Regeln, die den Teilhabenden wohlbekannt sind“ (S. 32).

 

Der Band fokussiert einerseits auf die „Gemeingüter der Erde“ und „Gemeingüter des Geistes“ und spart auch die – besonders diffizilen – Fragen dort nicht aus, wo es sozusagen einen Übergang zwischen diesen beiden Typen gibt. Speziell der Frage, inwieweit es Eigentumsrechte und Patentschutz auf Gene, Gensequenzen bis hin zu Tieren und Pflanzen geben soll und darf, wird aus verschiedenen Perspektiven breiter Raum gewidmet. Überhaupt die Eigentumsfrage: sie ist aus der Diskussion um Gemeingüter nicht wegzudenken und wird in diesem Band von mehreren Autoren – mit durchaus neuen, interessanten und auch originellen Ansätzen und Schlussfolgerungen aufgegriffen – bis hin zur (durchaus schlüssig argumentierten) Position, dass Privateigentum lediglich eine Sonderform des Gemeineigentums, basierend auf spezifischen „Verleih- und Nutzungsregeln“ sein kann.

 

Zu Recht breiten Raum nimmt die Frage des Cyberspace ein. Hier wird speziell die Frage von freier Software, open source codes und die damit verbundene Frage der Urheberrechte diskutiert (und das verleitet, das darf der Rezensent anmerken, tatsächlich zum kritischen Hinterfragen und Nachdenken, ob man sich tatsächlich den Wissenskonzernen in allen Konsequenzen anvertrauen will, wenn man das nächste Mal ein Microsoft Produkt hochstartet oder der Bequemlichkeit halber schnell etwas „googelt“). Beschrieben wird in einem Beitrag von Catharina Maracke und John Hendrick Weitzmann auch das Werkzeug der „Creative Commons“, die abgestufte Schutzrechte an geistigem Eigentum mittels sehr einfacher, standardisierter, aber auch juristisch abgesicherter Lizenzvarianten (den „Copylefts“) ermöglichen. Sehr differenziert wird der notwendige Schutz der Urheberrechte mit dem Anspruch, dass Wissen und Erkenntnisse nicht (zumindest nicht auf Dauer) in (kommerziell verwertbarem) Besitz einzelner verbleiben darf und soll, ins Verhältnis gesetzt (und so regt es durchaus zum Schmunzeln an, wenn in einem Buch, das den Gemeingütern und deren Schutz gewidmet ist, im Impressum das übliche „Alle Rechte vorbehalten“ zu finden ist).

 

Die knapp 300 Seiten bieten gut dreißig Beiträge, die somit auch gut verdaubare Längen aufweisen. Sich auf die dargebotene Menufolge einzulassen, ist gleichermaßen anregend wie dauerhaft erquickend, auch wenn eine etwas stringentere Komposition der Beiträge das Vergnügen noch etwas erhöht hätte. G. S.

 

Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter. Hrsg. v. Silke Helfrich u. d. Heinrich-Böll-Stiftung. München: Oekom-Verl., 2009. 286 S., € 24,90 D], 25,60 [A], sFr 43,60,

 

ISBN 978-3-86581-133-2