Die Finanzkrise hat zur Wiederbelebung einer Idee geführt, die der US-Ökonom Irving Fisher angesichts der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre erstmals vorgeschlagen hatte, nämlich das Konzept des „Vollgeldes“. Gemeint ist damit die vollständige Übertragung des Rechts der Geldschöpfung an den Staat. Banken, deren Kredite gegenwärtig nur zu einem kleinen Prozentsatz gedeckt sein müssen, würden nur mehr Geld vergeben, dass zu 100 Prozent von der Zentralbank zur Verfügung gestellt ist. Die IWF-Mitarbeiter Jaromir Benes und Michael Kumhof haben mit ihrer Publikation „The Chicago Plan Revisted“ 2012 das Konzept des Vollgeldes, das von Minderheiten der Ökonomen bereits seit längerem vertreten wird, wieder ins offizielle Gespräch gebracht. Jürgen Kremer, dem dieser Hinweis entstammt, befürwortet in seinen „Grundlagen der Ökonomie“ das Konzept des Vollgeldes mit der Frage, „warum der Staat sich die Hoheit über die Geldversorgung aus der Hand nehmen lässt und warum staatliche Kredite bei privatwirtschaftlich operierenden Banken aufgenommen und dessen immense Zinslasten von der Allgemeinheit getragen werden müssen.“ (S. 153)

Mit den derzeit von den Banken lukrierten Gewinnen aus der Geldschöpfung, der sogenannten Seignorage, sollten laut Vollgeld-Konzept die öffentlichen Schulden abgetragen werden. Manche meinen, dass sich damit auch ein Grundeinkommen finanzieren ließe. Die Geldschöpfung würde durch eine unabhängige Instanz, der sogenannten Monetative, die die Legislative und Judikative des Staates ergänzen soll, erfolgen. Diese entspreche einer ausgeweiteten Zentralbank. In mehreren Ländern haben sich mittlerweile Initiativen für das Konzept des Vollgeldes gebildet, etwa im angelsächsischen Raum das vom American Monetary Instiute favorisierte US-Money und das britische Positive Money sowie im deutschen Sprachraum das Geldreform-Netzwerk Monetative um den an der Universität Halle lehrenden Wirtschafts- und Umweltsoziologen Joseph Huber sowie der Verein Monetäre Modernisierung (MoMo) in der Schweiz.

Volksinitiative für Vollgeld in der Schweiz

Letzterer strebt im Zuge einer Volksabstimmung eine entsprechende Änderung der Schweizer Verfassung an. Der vorgeschlagene Wortlaut hierfür sowie Hintergrund-Analysen und Argumente für diese Geldreform wurden Anfang 2013 in einer Publikation mit Beiträgen der renommierten Ökonomen Hans Christoph Binswanger und Joseph Huber vorgestellt. „Wir meinen, dass in einem demokratischen Staat auch das Geldwesen der öffentlich-rechtlichen Kontrolle unterstellt werden muss. Allein der Staat sollte die Befugnis haben, Geld in Umlauf zu bringen“ (S. 11), so Jakob Joób von der Schweizer Initiative. Philippe Mastronardi, ehemals Professor für Staatsrecht an der Hochschule St. Gallen, hat den Vorschlag für die Verfassungsänderung beigesteuert.

Die Vollgeld-Idee wird von der Mehrzahl der ÖkonomInnen (noch) abgelehnt wird – der Staat sei überfordert, die richtigen geldpolitischen Anreize zu setzen, lautet das gewichtigste Gegenargument. Dass nun auch Lehrbücher publiziert werden wie jenes von Jürgen Kremer, der wie Dietz (s. o.) nur in der Begrenzung der Vermögen eine realistische Chance auf Stabilisierung des Wirtschaftssystem sieht und das ausgerechnet in der Schweiz eine Finanzreform lanciert, ist wohl ein gewichtiges Indiz für den Handlungsbedarf.

Hans Holzinger

Kremer, Jürgen: Grundlagen der Ökonomie. Geldsysteme, Zinsen, Wachstum und die Polarisierung der Gesellschaft. Marburg: Metropolis, 2013. 363 S., 34,80 [D], 35,80 [A], sFr 47,-

ISBN 978-3-7316-1020-5

Die Vollgeld-Reform. Wie Staatsschulden abgebaut und Finanzkrisen verhindert werden können. Hrsg. v. Verein Monetäre Modernisierung. Solothurn: Ed. Zeitpunkt, 2013. 84 S., € 9,50 [D], 9,80 [A], sFr 12,50;

ISBN 978-3-9523955-0-9