Obwohl in letzter Zeit Währungsturbulenzen einen Schatten auf ihre Erfolgsstory geworfen haben, können die südostasiatischen ,,Tigerstaaten" auf ihren rasanten wirtschaftlichen Aufstieg stolz sein. Binnen weniger Jahrzehnte haben sie sich zu modernen Industrieländern entwickelt. Auf politischem Gebiet ist die Bilanz indessen weit weniger erfreulich.

Auch heute noch dominieren autoritäre Herrschaftsformen, und die Demokratisierung schreitet nur zögernd voran. In der Absicht diese besondere Variante eines Modernisierungsprozesses zu erklären, stellten westliche Theoretiker in den achtziger Jahren die sogenannte ”Konfuzianismusthese" auf, der zufolge ökonomische Leistungsfähigkeit und politische Unmündigkeit der traditionellen, vom Konfuzianismus geprägten Mentalität der Ostasiaten entsprächen. Die Herrschenden der Region haben sich diese These flugs zu eigen gemacht, um unter Berufung auf kulturelle Eigenarten ihre Regimes zu legitimieren und zu stabilisieren. Mit Billigung westlicher Konservativer unterdrücken sie zum Teil bis heute die Arbeiter- und Demokratiebewegungen und leugnen den Universalitätsanspruch der Menschenrechte. Im Gegenzug beginnen westliche Politiker zunehmend auf das bis in die jüngste Vergangenheit so erfolgreiche südostasiatische Modell als Vorbild hinzuweisen, um den Sozialabbau in ihren eigenen Ländern zu rechtfertigen, Die aus Korea stammende Politikwissenschaftlerin Eun-Jeung Lee übt scharfe Kritik an der Konfuzianismusthese und ihrem Mißbrauch als Unterdrückungsinstrument. Zunächst zeigt sie die beträchtlichen Unterschiede zwischen den im Westen meist pauschal als ”Tigerstaaten" bezeichneten Ländern, in denen der Konfuzianismus zum Teil erst von oben als Staatsdoktrin implantiert werden mußte. Die Kapitel über China und Nordkorea wirken im Argumentationszusammenhang freilich eher wie Fremdkörper, als wären sie nur aufgenommen worden, damit das Bändchen vom Umfang her nicht gar zu bescheiden wirkt. Die Abschnitte, die sich mit dem eigentlichen Thema des Buchs beschäftigen, überzeugen jedoch durch stringente Analysen. Nach Lees Ansicht erweist sich der in eine Vielzahl von Richtungen zersplitterte Konfuzianismus keineswegs als so demokratiefeindlich, wie oft behauptet. Neben der Hochschätzung von Fleiß, Gehorsam und Disziplin finden sich darin durchaus auch Anknüpfungspunkte für demokratische Ideen. So obliegt es nach Konfuzius den Untertanen, einen ungerechten Herrscher zu kritisieren. Im Einklang mit etlichen auch im Westen bekannten Vorkämpfern der Demokratie plädiert die Autorin dafür, dieses emanzipatorisch-humanistische Gedankengut stärker zu betonen und in der Öffentlichkeit zu propagieren, um ein Gegengewicht gegen die von oben verordnete repressive Ideologie zu schaffen.

R. L


Lee, Eun-Jeung: Konfuzianismus und Kapitalismus. Markt und Herrschaft in Ostasien. Münster: Westfäl. Dampfboot, 1997. 159 S. (Einsprüche; 6) DM 29,80 / sFr 27,50 / öS 218