Cover SozialrevolutionDer digitalen Revolution müsse eine soziale Revolution folgen, so die Grundthese des Bandes "Sozialrevolution, der Beiträge von Autoren liberaler bis linker Provenienz vereint. Die Herausgeber Börries Hornemann, Mitbegründer des Forschungsnetzwerks Neopolis, und Armin Steuernagel, Gründer der Purpose-Stiftung und Mitglied des Think Tank 30 des Club of Rome,  rechnen sich den Social Entrepreneurs zu. Sie kritisieren die gegenwärtige „Wohlfahrtsbürokratie“ und fordern angesichts der Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse neue Formen der sozialen Absicherung. Das Prinzip der Gegenseitigkeit soll wieder vom Sozialstaat auf selbstorganisierte Vertrauensnetze verlagert werden. Die beiden beschreiben neue Modelle von Peer-to-Peer-Versicherungen wie die niederländischen „Broodfonds“, in denen sich Selbständige zusammenschließen, oder Plattformen wie Common-Easy, Teambrella oder Artabana, die nach dem Prinzip der liquid democracy auf onlinebasierten Versicherungssystemen basieren. Als Beispiel, das bereits vor dem Siegeszug des Internet funktionierte, dient den beiden auch das japanische Vorsorge-Zeitkonto „Fureai Kippu“, auf Deutsch „Ticket für gegenseitigen Kontakt“. Freiwillig geleistete Betreuungsarbeit wird auf einem Konto gutgeschrieben, welches in Anspruch genommen werden kann, wenn man selbst Betreuung braucht. Teil dieses „Post-Bismark-Sozialsystems“ (S. 149) ist für Steuernagel und Hornemann ein bedingungsloses Grundeinkommen, das aus den Gewinnen der neuen Digitalökonomie finanziert werden soll.

Darin sind sie sich einig mit anderen, der Linken zuzurechnenden Autoren wie dem ehemaligen US-Arbeitsminister Robert Reich, dem US-Gewerkschafter Andrew L. Stern (er betont in seinem Beitrag, dass er mit der Forderung nach einem Grundeinkommen in seinen Reihen freilich noch allein sei) oder dem Ökonomen und Kurzzeit-Finanzminister in Griechenland Yanis Varoufakis. Letzterer fährt mit starken Ansagen auf: Das sozialdemokratische Zeitalter, in dem sich die Arbeiterklasse durch kollektive Versicherungssysteme geschützt habe, sei tot. Und seit der Finanzkrise von 2008 gelte dies auch für den Kapitalismus. Die Gründe sieht Varoufakis in der „Finanzialisierung“ des Kapitalismus, der im Massentransfer von Reichtum aus der Produktion in den Finanzsektor stattfinde und durch Deflation, Kaufkraftverlust und Negativzinsen das kapitalistische Wirtschaften untergrabe. Den zweiten Grund für eine Neuausrichtung der Sozialsysteme sieht der Ökonom in der „Rebellion der Maschinen“, die „alle repetitive, routinemäßige und algorithmische Arbeit ersetzen“ (S. 103). Das bedingungsloses Grundeinkommen argumentiert Varoufakis mit der kollektiven Generierung des Reichtums, dieses sei daher eine „gerechte Dividende“ für alle (S. 105) sowie mit der Notwendigkeit, die Gesellschaften neu „zu stabilisieren und zu zivilisieren“ (104). Dem früheren „sozialen Netz“ müsse in der Zeit prekärer Arbeit ein „soziales Fundament“ (S. 106) folgen. Da schließen auch andere, eher dem wirtschaftsliberalen Flügel zuzurechnende Autoren im Band an, etwa der deutsche Fondmanager und App-Entwickler Albert Wenger, oder der MIT-Wissenschaftler Erik Brynjolfsson, der die breit rezipierte Studie „The Second Machine Age“ über die Automatisierungsfolgen der Digitalisierung verfasst hat (gemeinsam mit Andrew McAfee). Auch die Expertin für „On-Demand-Ökonomie“ der Open Society Foundation Natalie Foster, die mit empirischen Befunden die Transformation der Arbeitswelt in den USA untermauert, fordert die Entkopplung sozialer Sicherung von der Erwerbsarbeit durch „mobile Sozialleistungen sowie ein bedingungsloses Grundeinkommen“ (S. 143). Michael D. Tanner, laut New York Times einer der „Architekten für private Vorsorge“ in den USA, plädiert für das Grundeinkommen, weil damit die Sozialbürokratie abgeschafft würde und die Menschen ihr Leben selbst in Hand nehmen (ein Befund, der freilich nicht allgemein geteilt wird!).

Die Beiträge des Bandes setzen zum einen auf neue Versicherungssysteme der Selbstorganisation (der Hirnforscher Gerald Hüther plädiert in diesem Sinne für eine andere „Beziehungskultur“ der Reziprozität); zum anderen eben auf eine Grundsicherung. Beide Stoßrichtungen gehen von der Erosion des herkömmlichen Erwerbsarbeitssystems aus, die eine „Sozialrevolution“ nötig mache. Doch noch ist nicht ausgemacht, wie weit dem tatsächlich so sein wird und die Abkehr von den herkömmlichen Sozialinstitutionen vorschnell gefordert wird. In anderen Worten, dass die Gefahr besteht, „das Kind mit dem Bad auszuschütten“. Hans Holzinger

Bei Amazon kaufen Sozialrevolution. Hrsg. v. Börries Hornemann und Armin Steuernagel. Frankfurt/M.: Campus , 2017. 209 S., € 19,95 [D], 20,60 [A] ; ISBN 978-3-593-50682-1