12Bets10Erstmals auf Deutsch liegen nun sechszehn Artikel von Claude Lévi-Strauss vor, die dieser in den Jahren 1989 bis 2000 in der italienischen Zeitung La Republica veröffentlichte. Lévi-Strauss macht mit den Texten deutlich, warum in der Sozialanthropologie kein Weg an ihm vorbei führt. Dabei sind seine Texte gut lesbar, überraschen immer wieder mit kreativen Verbindungen und Analogien, die die Augen öffnen und klar machen, dass das, was man jeweils als „normal“ wahrnimmt, immer seltsamer wird, desto genauer man es betrachtet. Den Artikeln aus La Republica ist in dem Sammelband noch der Aufsatz „Der gemarterte Weihnachtsmann“ hinzugefügt. Anhand dieses Textes kann man zeigen, was Lévi-Strauss dem Leser bzw. der Leserin bietet.

Der Autor beschreibt mit ruhiger Distanz die Geschehnisse am 24. Dezember 1951 in Dijon. Dort wurde ein symbolischer Weihnachtsmann von Hortkindern am Vorplatz der Kathedrale öffentlich verbrannt. Die Kinder waren aus den christlichen Horten der Region gekommen. Den Initiatoren ging es darum, zu zeigen, dass der Weihnachtsmann eine Lüge sei, für Christen müsse Weihnachten das Fest der Geburt Christi sein.

Lévi-Strauss macht sich nun mit Freude auf die ethnologische Untersuchung des eigenen Landes und seiner Kultur. Weihnachten, wie wir es kennen, sei im Wesentlichen ein modernes Fest. Zwar dürfte es schon im 13. Jahrhundert Weihnachtsfeiern gegeben haben, man beschrieb Weihnachten als „Anlass für Familienfeste“. Weihnachtsbäume sind erstmals im 17. Jahrhundert in deutschen Texten erwähnt, in Frankreich erst im 19. Jahrhundert. Einflüsse aus verschiedenen Weltregionen wurden aufgenommen und wieder vergessen. Man denke an Rentiere. „Wir haben es also mit einem Ritual zu tun, dessen Bedeutung im Lauf der Geschichte schon vielen Schwankungen ausgesetzt war; es erlebte Höhepunkte und Rückschläge. So gesehen ist die amerikanisierte Form mit dem Weihnachtsmann lediglich der modernste dieser Wechselfälle.“ (S. 21)

Dann sucht Lévi-Strauss weiter, warum nun gerade der Weihnachtsmann so aggressive Reaktionen der Kirche auslöst. Er meint es liege daran, dass der Glaube an den Weihnachtsmann das festeste Bollwerk des Heidentums sei. Denn in diesem Glauben zeige sich „der Wunsch, ein klein wenig an eine Großzügigkeit ohne Kontrolle zu glauben, eine Liebenswürdigkeit ohne Hintergedanken, an eine kurze Zeitspanne, in der alle Furcht, aller Neid und alle Bitterkeit aufgehoben sind. (…) Indem wir unsere Kinder im Glauben lassen, dass ihr Spielzeug aus dem Jenseits kommt, verschaffen wir uns ein Alibi für unsere geheime Regung, die uns in Wirklichkeit verleitet, dieses Spielzeug dem Jenseits zu schenken unter dem Vorwand es den Kindern zu geben. Dadurch bleiben die Weihnachtsgeschenke ein wirkliches Opfer an die Süße des Lebens, die vor allem darin besteht, nicht zu sterben.“ (S. 39) Dieses Fühlen aber sei Ausdruck des Heidentums, denn während Christen für die Toten beten, beten Heiden an die Toten. Und genau deswegen ist es für die Kirche schwer zu ertragen, so Lévi-Strauss. Und warum wir alle Kannibalen sind, kann Lévi-Strauss in dem Buch auch erklären. Das wird in dieser Rezension aber nicht vorweggenommen.

Lévi-Strauss, Claude: Wir sind alle Kannibalen. Berlin: Suhrkamp, 2014. 250 S, € 26,95 [D], 7,70 [A], sFr 28,85 ; ISBN 978-3-518.58613-6