Visuelle Kommunikation und kollektive Identitäten in ProtestbewegungenSeit Mitte der 60er Jahre wurde der Konflikt der Generationen immer stärker von visuellen Zeichen und Symbolen als Medien von Protestkommunikation geprägt. Für die Kommunikationswissenschaftlerin Kathrin Fahlenbrach ist die Studenten- und Jugendbewegung Ende der 60er Jahre überhaupt die erste Neue Soziale Bewegung, bei der nicht nur politische und soziale Ziele auf dem Programm stehen, sondern vor allem kulturelle und habituelle Konzepte. Sie geht davon aus, dass damals der Habitus und Lebensstil zu einer entscheidenden Protest- und Mobilisierungsressource wurden.

In unserem Zusammenhang interessiert nun nicht primär der Rekurs auf die Protestbewegungen der 60er und 70er Jahre, denen das Schlusskapitel gewidmet ist, sondern die aktuellen sozialen Bewegungen der Bundesrepublik nicht zuletzt als Form der Partizipation am politischen Prozess. Dabei wird von der Autorin die These vertreten, dass visuelle Codes in Neuen Sozialen Bewegungen seit damals nicht nur im Zeichen politischer und ideeller Konzepte stehen, sondern gleichzeitig im Zeichen der Indikation habitueller Zugehörigkeiten.

Kathrin Fahlenbrach stellt zunächst Ansätze für ein integratives Habitusmodell vor um anschließend zentrale Mechanismen visueller Wahrnehmung aufzuzeigen. Dabei werden expressive Codes (des Habitus) und expressive Zeichensysteme (des Lebensstils) als Medien kommunikativer Koorientierung erläutert. Mit einem kurzen Aus-blick auf die empirische Lebensstilforschung werden schließlich Körpersprache, Kleidersprache und die ästhe-tische Kontextualisierung des Selbst (im privaten und im öffentlichen Raum) als Beschreibungskategorien expressiver Zeichensysteme eingeführt.

Ausgehend von der Studenten- und Jugendbewegung gibt die Autorin eine zwar schwierig zu lesende, aber interes-sante Analyse visueller Protestästhetik. Überzeugend wird die Umorientierung der Studenten- und Jugendbewegung auf „Selbstentfaltung“ aufgezeigt. So sgelingt es zwar, die visuellen und emotional-affektiven Prozesse sozio-ästhetischer Wahrnehmung und Kommunikation stärker ins Blickfeld zu rücken, die politische Dimension neuerer sozialer Bewegungen – etwa das weltweit agierende globalisierungskritische Netzwerk bleibt jedoch an dieser Stelle unberücksichtigt. A. A.

Bei Amazon kaufenFahlenbrach, Kathrin: Protest-Inszenierungen. Visuelle Kommunikation und kollektive Identitäten in Protestbewegungen. Wiesbaden: Westdt.-Verl., 2002. 271 S., € 24,90; ISBN 3-531-13754-9