„Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Durchschnittseinkommen im Westen verdreifacht. Wir sind gesünder denn je, leben länger denn je, genießen eine unerhört lange Zeit des Friedens, sind weltweit mobil und haben märchenhafte Bildungschancen. Aber offenbar ist es sehr schwer, sich daran zu erfreuen.“ Mit dieser Feststellung macht Norbert Bolz auf die seiner Meinung nach unangebrachte Negativstimmung in seinem Land Deutschland aufmerksam (S. 11). Eine „mächtige Angstindustrie“ habe sich aufgebaut. Wir hätten Angst vor  Atomkraftwerken, vor der Klimakatastrophe sowie der Energiekatastrophe. Viele Leuten scheinen, so der Autor, eine „Art Krankheitsgewinn aus dem Schwarzsehen ziehen zu wollen“. In dieses Bild passe auch das „Jammern über soziale Ungerechtigkeit, über den Werteverfall – und neuerdings wieder einmal die Prophezeiung vom Ende des Kapitalismus“ (ebd.).

 

Letzterem zur Ehrenrettung zu verhelfen und dem Pessimismus ein Schnippchen zu schlagen, sieht Bolz als Ziel seines Zukunftsbildes von einem „Sozialkapitalismus“, der den Wohlfahrtsstaat überflüssig machen wird. Der Autor versucht, „den Begriff der sozialen Gerechtigkeit von Fetischismus und Ressentiment zu reinigen und dann neu zu denken“ (S. 8) Denn soziale Gerechtigkeit gäbe es „nicht durch Umverteilung, sondern durch die Produktion sozialen Reichtums“, durch „soziale Netzwerke und die Kraft des Einzelnen“ (!). Nichts sei bodenloser, so Bolz weiter, „als die sozialromantische Kapitalismuskritik unserer Tage: Nur der Kapitalismus selbst kann die Wunden, die er schlug, wieder heilen.“ (ebd.) Nach der Versöhnung von Ökonomie und Ökologie am Ende des 20. Jahrhunderts (ist dem tatsächlich so, wäre freilich zu fragen?) gehe es im 21. Jahrhundert „um die Versöhnung von Profitmotiv und sozialer Verantwortung“ (S. 17).  Dabei habe der Umbau des Kapitalismus längst stattgefunden, ist der Autor überzeugt: „Er hat den Marxismus verinnerlicht.“ (S. 18) Henry Fords Prinzip lebenserhaltender Löhne wird dabei ebenso als historisches Indiz angeführt wie die soziale Marktwirtschaft Deutschlands seit 1945.

 

 

 

Humaner Kapitalismus

 

Und heute bzw. in Zukunft? Bolz nennt vier Faktoren, die für einen humanen Kapitalismus sprechen (und die er in der Folge näher ausführt): 1.) Wunsch nach Selbsttranszendierung (Menschen der Wohlstandswelt genüge es nicht mehr, „sich selbst zu verwirklichen, sondern sie wollen ihr Leben an Werten und sozialen Ideen orientieren“, S. 18) 2.) Neue soziale Netzwerke, die mit Sozialkapital umschrieben werden und sich insbesondere über das Internet bilden. 3.) Die Erwartung der Bürger, dass die Unternehmen soziale und politische Verantwortung „für den Stand der Weltdinge“ übernehmen, zwingt diese zu einem neuen Selbstverständnis, was eben einen sorgenden Kapitalismus erzeuge. 4.) Auch von der Politik werde mittlerweile mehr als Daseinsvorsorge erwartet, was zum Bild des vorsorgenden Staates geführt habe.

 

Der Sozialkapitalismus habe von Non-Profit-Organisationen und Non-Governmental-Organisationen gelernt, dass am Anfang immer eine Mission, eine Vision stehen müsse, so Bolz. „Das Politisch-Soziale wird zum Schauplatz des Marketings.“ (S. 26) Und je komplexer das Wirtschafts- geschehen werde, umso mehr hänge der eigene Erfolg vom Erfolg des anderen ab. „Zusammenarbeit und Wettbewerb sind dann kein Gegensatz, sondern die zwei Seiten der selben Medaille. ... Erfolg hat, wer mit Erfolgreichen kooperiert.“ (S. 27) Der vorsorgende Staat schließlich verstehe sich als „Entwicklungshelfer des nach seinem wahren Selbst suchenden Bürgers“ (S. 30). Dabei gehe es nicht mehr (allein) um Güterverteilung, denn gerade im wachsenden wirtschaftlichen Wohlstand wachse die kulturelle Unzufriedenheit: „Wir können uns immer mehr leisten, aber es befriedigt immer weniger.“ (ebd.)

 

 

 

Neue Wirtschaftsethik

 

Im System des kapitalistischen Wirtschaftens seien die Menschen leidenschaftsloser, trockener und berechenbarer geworden, sie wurden auf „Zivilisationstemperatur“ gebracht (S. 34), so verweist Bolz auf Max Weber. Die Kommunitaristen würden nun zu Recht darauf hinweisen, dass der liberale Kapitalismus noch anderes brauche als sich selbst, also auf Voraussetzungen basiere, „die er nicht selbst garantieren kann“ (S. 32). Dies sei – gesteht der Autor – von den verantwortlichen Akteuren mitunter vergessen worden. Die „verzweifelte Suche nach dem verlorenen Geist des Kapitalismus“ (ebd.) nenne man nun Wirtschaftsethik. Auf sie baut das Bolz´sche Bild des neuen Sozialkapitalismus. Der Autor hält dabei einen starken Staat für eine moderne Gesellschaft zwar für „unverzichtbar“, doch soziale Gerechtigkeit verstanden als Umverteilung sorge für die „politische Stabilisierung der Unmündigkeit: Sie bringt den Menschen bei, sich hilflos zu fühlen.“ (S. 119) Die so anerzogene „Wohlfahrtsstaatsmentalität“ perpetuiere Armut, denn je länger man von wohlfahrtsstaatlichen Leistungen abhängig sei, „desto unfähiger wird man, für sich selbst zu sorgen“ (ebd.). Bolz bietet stattdessen das „Angebot der Teilhabe am Wachstum der Wirtschaft“. Durch „robustes wirtschaftliches Wachstum“ werde die „Lage jedes Einzelnen positiver verändert, als durch Umverteilung möglich wäre“ (ebd.). Das Ziel müsse lauten, „genug für alle statt gleich viel“ (auch wenn letzteres selbstredend nie das Ziel wohlfahrtsstaatlicher Politik war geschweige sein konnte – dies unterschlägt Bolz in seinem Anschreiben gegen Umverteilung!) Dieser Argumentation folgend, gelangen wir dann zum „konsumistischen Manifest“ (so der Titel eines früheren Buches des Autors), welches das kommunistische abgelöst habe. Menschen würden angespornt, etwas zu leisten, „weil sie erreichen wollen, was andere auch haben“.

 

Was bleibt dann der Politik? Da Staaten an politischer Bedeutung verloren hätten und es die Weltregierung nicht geben könne, seien die großen Unternehmen nun aufgerufen, die „Verantwortung für den Stand der Weltdinge“ (S. 123) in die Hand zu nehmen. Beobachtet und gefordert durch kritische Weltbürger würden diese „Corporate Citizens“ die Welt nun besser machen – aus „aufgeklärtem Selbstinteresse“ (S. 125). Mit der Milliardenspende Warren Buffets habe sich – so ein Beispiel – der Sozialkapitalismus „ein eindrucksvolles Denkmal“ gesetzt“ (ebd.).

 

Euphorisch ist Bolz auch hinsichtlich der neuen Arbeitswelt. Postindustrielle Arbeit werde eher zum Spiel und zur Verknüpfung mit anderen, es gehe darin um Selbstverwirklichung und Gemeinschaft. Was früher stärker in der Familie gesucht worden sei, kehre sich heute um: „Es ist viel leichter, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu sein als ein guter Ehemann und Vater. Wer sich das Heldentum des Familienlebens nicht zutraut, flieht in die Arbeit.“ (S. 140)

 

Der soziale Kapitalismus speise sich nicht zuletzt aus der Notwendigkeit, als Unternehmen gute Figur machen zu müssen, um Erfolg zu haben. Wir treten ein ins „Zeitalter der Reputation“, so Bolz, aus Wertschätzung werde Wertschöpfung, der Profit verdanke sich zukünftig nicht mehr dem Betriebsgeheimnis, sondern der Transparenz. Profitable Geschäfte wären nur mehr auf einem Umweg zu erreichen: „Engagement geht vor Erfolg, Gemeinschaft geht vor Geschäft, Profil geht vor Profit.“ (S. 150) H. H.

 

Bolz, Norbert: Profit für alle. Soziale Gerechtigkeit neu denken. Hamburg: Murmann, 2009. 187 S., € 18,- [D], 18,50 [A], sFr 32,10

 

ISBN 978-3-86774-075-3