Die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln ist – wer wüsste es nicht aus eigener Erfahrung – immer wieder Anlass zu persönlicher Reflexion, zur Debatte im Freundes- und Familienkreis, beschäftigt aber vor allem auch die Umwelt- und Meinungsforschung. 75 Prozent der Bewohner-Innen der 27 EU-Staaten, so eine repräsentative Erhebung vom März 2008, bekundeten grundsätzlich Bereitschaft, umweltfreundliche Produkte zu kaufen (und dafür auch mehr auszugeben), aber nur 15 Prozent gaben an, dies im letzten Monat auch tatsächlich getan zu haben. Die Bereitschafts-/Umsetzungsdifferenz liegt also bei rund 2/3 [und nur in Skandinavien und Österreich etwas unter 50 Prozent].

 

Während bisher vor allem „Alter“ und „Geschlecht“ als Parameter zur Deutung dieser Diskrepanz in den Blick genommen wurden, werden in einer vom deutschen Umweltbundesamt initiierten und an der Universität Bamberg durchgeführten Studie die Rolle von Selbstvertrauen/ Selbstverantwortung beziehungsweise von Sozialvertrauen/Sozialverantwortung untersucht. Auf Grundlage der „Reanalyse“ einer empirischen Erhebung (zur Bedeutung eines Biosphärenreservats im Umkreis von Berlin) sowie weiteren Interviews arbeiten die Autoren insgesamt vier idealtypische Charaktere umweltbezogenen Verhaltens der deutschen Bevölkerung heraus. Dabei werden neben soziodemographischen Merkmalen auch Aussagen zu politischer Orientierung, Umwelt-, Konsum- und Mobilitätsverhalten u. ä. m. gemacht. Im Folgenden zentrale Befunde, kurz gefasst:

 

Der Typus ‚Weltveränderer’ ist geprägt von einer aktiv optimistischen Grundhaltung und in etwa zu gleichen Teilen bei Männern und Frauen zu finden. Überdurchschnittliches Bildungs- und Einkommensniveau, aber bewusstes und sparsames Konsumverhalten (unter Bedachtnahme auf hochwertige Produkte) und die Präferenz ideeller gegenüber materiellen Werten zeichnen ihn aus. ‚Überforderte Helfer’ haben hohes Sozialvertrauen und ein positives Weltbild, aber nur geringes Selbstvertrauen. Änderungen werden in erster Linie von „Anderen“ erwartet. Diesem Typ sind überwiegend Frauen zuzurechnen, der Anteil an SeniorInnen ist überdurchschnittlich hoch. ‚Überforderte Helfer’ „zeichnen sich zudem durch ein traditionelles, von ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld geprägtes Weltbild“ aus (vgl. S. 54f.). Neben durchschnittlichem Bildungs- und Tätigkeitsniveau werden darüber hinaus keine Besonderheiten in Bezug auf Lebensformen und – phasen ausgemacht. Ganz anders der ‚Egoist aus Überzeugung. „Es gibt sowieso keine Lösung, ich brauche deshalb auch auf niemanden und nichts Rücksicht zu nehmen“, heißt seine Devise; hohes Selbst-, und geringes Sozialvertrauen, ein negatives Menschenbild, ein vorwiegend regionaler Bezugsrahmen – Egoisten machen sich über globale Zusammenhänge wenig Gedanken – und die Unfähigkeit zu Selbstkritik kennzeichnen diesen Typus. In dieser Gruppe sind überdurchschnittlich Männer mit durchschnittlichem Bildungsgrad und höherer beruflicher Stellung zu finden, charakteristisch ist zudem eine überdurchschnittliche Haushalts- und Familiengröße. Bei ‚Resignierten' sind schließlich sowohl Selbst- als auch Sozialvertrauen schwach ausgeprägt. "Engagement für andere und anderes findet deswegen kaum statt, die eigenen Interessen sind für diesen Typ ausgesprochen wichtig“. (S. 38). Menschen dieses Schlages leben (nicht nur im Blick auf Umweltbelange) nach dem Motto: „Es wird keine Lösung geben und diese Tatsache belastet mich so sehr, dass ich am liebsten gar nicht mehr daran denke.“ (S. 39) „‚Herr Stein’, der idealtypisch charakterisierte ‚Resignierte’, passt sich an, hat, wie der ‚Egoist aus Überzeugung’ ein negatives Menschenbild. Sie sind für ihn die ‚Folie’, vor deren Hintergrund Ordnung und Übersichtlichkeit in das komplexe Alltagsgeschehen kommt.“ (S. 70). Das Verhältnis zur Natur ist bei ‚Resignierten' ambivalent, „schwankt zwischen Entfremdung und romantischer Verklärung“ (S. 72), Egoismus wird auf theoretischer Ebene verdammt, ist in der Praxis jedoch dominierend. Bei diesem Typ ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen, unterdurchschnittliche Bildung und berufliche Stellung sind kennzeichnend; überdurchschnittlich vertreten sind Ein-Personen-Haushalte.

 

Die skizzierten ‚Sozialcharaktere’ werden im weiteren Verlauf der Untersuchung im Hinblick auf ‚Lebenswelten’, ‚Lebens- und ‚Konsumstile' weiter differenziert und anhand dreier Bevölkerungsgruppen (‚Junge Singles’, ‚Junge kinderlose Paare’ und ‚Junge Familien’) exemplarisch beschrieben. Junge Familien, so ein Befund, „gehören überdurchschnittlich häufig zu den ‚Weltveränderern’ und ‚überforderten Helfern’, seltener zu den ‚Egoisten’ und ‚Resignierten'. Für kinderlose Paare gilt das Gegenteil“ (S. 95).

 

Zusammenfassend plädieren die Autoren dafür, „in der Umweltforschung zukünftig die Potenziale von allgemeinen Grundhaltungen und Lebensformen sowie biografischen Phasen intensiver zu nutzen“2 (vgl. S. 102); und sie verweisen mit Nachdruck darauf, dass allgemeine Appelle im Sinne der Selbstverpflichtung auf Nachhaltigkeit nicht motivieren. Neben dem Aufbau von Partizipationsforen wird vor allem für „Social Marketing“ (z. B. in Kindergärten und Kirchen) zur Vermittlung und Intensivierung umweltrelevanter Themen geworben. Im Kontext des globalen „Steigerungsspiels“ (Gerhard Schulze) werden abschließend vier "alternative Szenarien" nachhaltiger Entwicklung in den Blick genommen: 1.) die Eskalation durch ‚ungebremste Steigerung', 2.) ‚Eskalation mit Selbstblockade' (dem rhythmischen Wechsel von Be- und Entschleunigung), 3.) die ‚Evolution in Nischen' (bei gleichzeitiger Spaltung der Gesellschaft) sowie 4.) die ‚kulturelle Emanzipation' als kollektive Überwindung der als langweilig und absurd empfundenen Steigerung materiellen Wachstums.

 

Ein insgesamt schlüssiger Befund über Motive und Blockaden von Umweltverhalten, der zugleich Perspektiven für weitere Untersuchungen benennt.

 

W. Sp.

 

Buba, Hanspeter; Globisch, Susanne: Ökologische Sozialcharaktere. Von Weltveränderern, Egoisten und Resignierten ... München: ökom-Verl., 2008. 128 S., € 19,95 [D], 20,60 [A], sFr 34,90

 

ISBN 978-3-86581-062-5