Ideen entwickeln und aneignen

Ausgabe: 2017 | 1

Die Geschichte unserer Ideen ist nicht nur eine Geschichte der genialen Köpfe. Samuel Salzborn geht das Thema anders an. Er setzt die Geschichte der Ideen in den Kontext der geschichtlichen Entwicklung. Was dabei herauskommt, ist das Buch „Kampf der Ideen.“ Eine zentrale These ist, dass wir nicht nur einen Kampf der Ideen untereinander erleben und erlebten. Vielmehr geht es immer mindestens genauso relevant darum, wer sich Ideen aneignet. Es geht auch um den Kampf um Ideen.

Salzborn greift den Begriff des Arsenals der Ideen auf. Ideen über das Zusammenleben, die Zukunft entstehen und können nicht eingezäunt, uneingeschränkt in Besitz genommen werden. Vielmehr sind wir immer wieder damit konfrontiert, dass unterschiedliche Interessen auf sie zugreifen, versuchen, sich Ideen anzueignen. Dabei setzen sie die Ideen in verschiedene Zusammenhänge, die auch die Bedeutung der Idee beeinflussen. „Denn die Idee … gibt es im Arsenal der Ideen nicht, weil die Pluralität von Interpretationen und Rezeptionen einen Konsens strukturell unmöglich macht. Sie ist vielmehr eine Konstruktion, selbst umkämpft und umstritten, die aus dem Blickwinkel der Gegenwart verstanden, dabei akzentuiert und somit nutzbar gemacht wird.“ (S. 17) In bestimmten Epochen und in bestimmten Bewegungen gerinnt eine Idee zur Leitidee, mit der gegen konkurrierende Gruppen und Interessen ins Feld gezogen wird.

Auf dieser Grundlage beginnt der Autor die Darstellung der politischen Ideen und des Kampfes um sie. Er startet mit dem Versprechen der Aufklärung, der Emanzipation zum Individuum und Subjekt. Er reflektiert anarchistische Radikalisierungen dieses Freiheitsbegriffs und die konservativen Reaktionen. Er widmet sich in der Folge den sozialistischen Gleichheitsforderungen und dem politisch konkurrierenden Argument der (jeweiligen) Überlegenheit von Rassen, Nationen oder Kulturkreisen, das in engem Zusammenhang mit Totalitarismus steht.

Ausführlich geht Salzborn auf aktuelle Diskussionen und die darin bestehenden Demarkationslinien ein. Im Unterschied zu vielen anderen Übersichten zur Politischen Ideengeschichte, widmet er der Gegenwart sehr viel Aufmerksamkeit. Ein eigenes Kapitel beschäftigt sich mit Paradigmen in Zeiten der Globalisierung. Dazu gehört für ihn auch das Paradigma Umwelt- und Naturschutz. Innerhalb dieses Paradigmas unterscheidet Salzborn zwei Flügel, die er als Environmentalism und als Ecologism bezeichnet. Beide gehen von einer Begrenztheit ökonomischen Wachstums aus. „Ziel des Environmentalism ist die Neuausrichtung kapitalistischer Ökonomie am Ziel der nachhaltigen Entwicklung, womit eine Ökologisierung des Politischen erstrebt wird, was das Potenzial für eine Sensibilisierung aller politischer Theorien für ökologische Fragen beinhaltet, wie die Annahme, dass Konflikte und Herrschaft generell ökologische Dimensionen haben und insofern der Blick auf die Umwelt unerlässlich für die modernen Gesellschaften sei.“ (S. 127) Der Ecologism ist wesentlich radikaler. Er stellt den Subjektbegriff der Aufklärung in Frage.  „Der Ecologism setzt sich generell für tiefgreifende gesellschaftliche und soziale Veränderungen ein, die vom Primat einer Politisierung von Ökologie ausgehen, also den diametralen Gegenpol zum Environmentalism bilden: Zentrum des Denkens ist nicht der Mensch in seiner Umwelt, sondern die unabhängig  vom Menschen gedachte Natur, wobei angenommen wird, dass es eine authentische Natur jenseits der Kultur geben könnte.“ (S. 127f.)

Salzborn beendet sein Buch mit einem „Blick zurück nach vorn“. „Im Übergang des vormodernen Personenverbandsstaates des Mittelalters in den Anstaltsstaat der Neuzeit entwickelte sich das Politikverständnis einer Herrschaftsordnung, die auf einer territorial klar umrissenen, mit einer monopolitisierten Zentralgewalt versehene und einer auf Kontinuität und Dauer hin angelegten Staatsbevölkerung basierte. An der Schwelle von Vormoderne zu Moderne kulminierten zahlreiche Entwicklungsstränge in einem Prozess, in dem der moderne Nationalstaat entstand (..).“ (S. 161) Die entscheidenden Kriterien des Nationalstaates seien demnach Territorialität, Staatsgewalt und Staatsvolk. Hier beginnt Salzborn über Staatszerfallsprozesse zu sprechen. Diese können an jedem der drei folgenden Elemente ansetzen: Wenn Territorialität in einer vom internationalen Warenaustausch lebenden Gesellschaft in Frage gestellt wird; wenn die Idee des Staatsvolkes in Zeiten der Wanderung in bessere Länder, an bessere Ausbildungsstätten, zu besseren Lebenspartnern usw. in Frage gestellt wird; wenn die Staatsgewalt durch internationale Allianzen, kulturelle und politische Infragestellung angegriffen wird. Wann immer das geschieht, sind wir gefordert darüber nachzudenken, was an die Stelle des Nationalstaats treten könnte oder wie dieser neu erfunden werden kann. Diese Ideen möge man im Arsenal der Ideen hinterlegen, auf dass der Kampf um ihre Aneignung beginne.

Bei Amazon kaufenSalzborn, Samuel: Kampf der Ideen. Die Geschichte politischer Theorien im Kontext. Baden-Baden, Nomos, 2015. 201 S., € 29,80 [D], 30,70 [A] ISBN 978-3-8487-2324-9