Er war lange Jahre Bildungs- und Justizsenator, von 1995 bis 2005 Bürgermeister von Bremen und lebt nun mit seiner Frau in einer Alterwohngemeinschaft. Die Rede ist von Henning Scherf. In „Grau ist bunt“ stellt er dem Angstbild von der veraltenden Bundesrepublik sein eigenes Altersbild entgegen. Ausgehend von einer Reiseerfahrung in Miami Beach, einem US-amerikanischen „Altenghetto“, machte sich der Autor auf die Suche nach einem aktiven „Altersleben“. Er beschreibt sein „Loslassen“ in der Politik, die Entscheidung, gemeinsam mit anderen befreundeten Paaren eine Altstadtvilla zu beziehen und Scherf spart auch die Auseinandersetzung mit dem Sterben nicht aus. Wertvoll sind auch die politischen Kommentare, etwa wenn der Autor sich gegen die Angst- und Scharfmacher vor der „Last der Alten“: „Schirrmacher und Miegel (zwei Proponenten dieser Gruppe, Anm. H.H.) warnen davor, dass künftig immer weniger Junge für immer mehr Alte sorgen müssen. Was sie dabei jedoch übersehen, ist, dass viele aus der älteren Generation immense Vermögen – sei es durch Erbschaft, sei es durch Erwerbsarbeit – angehäuft haben und von niemandem finanziert werden müssen.“ (S. 37) Wohlstand sei eine Folge der Produktivität der Gesellschaft, so Scherf. Und: „Noch nie in unserer Geschichte lebten so viele wohlhabende alte Menschen in diesem Land wie heute.“ (ebd.) Die einzig vernünftige Antwort auf die „schrumpfenden Industriegesellschaften und die wachsenden Elendsgesellschaften“ sieht Scherf in einer „Weltinnenpolitik mit Gesellschaften, die durchlässig sind auch für die Mitglieder anderer Gesellschaften“ (S. 40). Es habe keinen Sinn, zu leugnen, dass Deutschland längst zum Einwanderungsland geworden sei. Scharf kritisiert der Autor aber auch die Marginalisierung der Alten, etwa durch den weitgehenden Ausschluss aus dem Bildungssystem: „Den Älteren bleibt Amüsement: Wer Geld hat, landet auf einem Musikdampfer, und wer keins hat, dem wird bei Kaffee und Kuchen eine Geschichte vorgelesen.“ (S. 41) Scherf weiß auch, dass das Sozialsystem adaptiert gehört: Stärkere Steuerfinanzierung der Grundsicherung, stärkere Beteiligung jener Vermögen, die nicht produktiv investiert werden, an der Finanzierung öffentlicher Leistungen, Miteinbeziehung von Kindererziehung oder Pflege Angehöriger in die Rentenverteilung und nicht zuletzt „Länger arbeiten“ nennt er als Stichworte. Hierfür nötig sei jedoch ein Wandel des Arbeitssystems. Denn „Arbeiten bis ins hohe Alter“ sei nur möglich, „wenn wir uns endlich von der starren Abfolge Ausbildung – Arbeiten – Familie – Rente lösen“ (S. 49) Wir bräuchten ein „stärkeres Durch- und Nebeneinander“ dieser Lebensabschnitte, um dem „Lebensstau“ der Zwanzig- bis Vierzigjährigen, die „alles zugleich leisten müssen, entgegenzuarbeiten“ (ebd.) Hinsichtlich Wohnen plädiert Scherf für bunte Experimente. Er bricht eine Lanze für das Zusammenleben mehrerer Generationen in Stadtteilen bzw. Wohnanlagen und lädt ein, auch gemeinschaftliches Wohnen zu erproben. Den Grund für die Skepsis gegenüber solchen neuen Wohnformen sieht er in „unserem Hang zur Individualisierung“: „Unsere Gesellschaften haben gewissermaßen jahrzehntelang die Anonymität trainiert.“ (S. 102) Resümee: Ein lesenswertes und konstruktives Buch, das gesellschaftliche Alternativen für ein Miteinander der Generationen aufzeigt und Mut macht, dem eigenen Alter Kultur und Würde zu geben. H. H.

 

Scherf, Henning: Grau ist bunt. Was im Alter möglich ist. Freiburg: Herder, 2009 (2. Aufl.) 191. S., € 9,95 [D], 10,30 [A], sFr 16,90; ISBN 978-3-45105976