Neue Formen der Politik können Ausdruck eines Generationenkonflikts sein, wie Hannah Beitzer es in ihrem Buch „Wir wollen nicht unsere Eltern wählen.“ erklärt. Sie können aber auch eine Reaktion auf Fehlentwicklungen im politischen System sein. Das italienische politische System hat eine ausgesprochen schwierige Entwicklung hinter sich: Dauerdominanz der Democrazia Christiana bis Ende der 80er-Jahre, Korruption und hohe Kriminalitätsraten, mit der Forza Italia eine erfolgreiche Partei, die von Politikwissenschaftlern als „Business Firm Modell“ einer Partei kategorisiert wird, oder heute: massive wirtschaftliche Probleme.

Vor diesem Hintergrund gründete Beppe Grillo, der eigentlich vor allem als Komödiant bekannt war, die „Bewegung fünf Sterne“, um gegen das Establishment zu protestieren. Er war damit außerordentlich erfolgreich und kann sich nun bereits seit einigen Jahren auf die Zustimmung von rund einem Fünftel der Italienerinnen und Italiener berufen.

In dem Buch „5 Sterne. Über Demokratie, Italien und die Zukunft Europas“ ist ein Gespräch zwischen Beppe Grillo, Gianroberto Casaleggio und Dario Fo abgedruckt. Casaleggio betreut Internetaktivitäten für die Bewegung, Dario Fo ist international anerkannt als Schriftsteller, der sich immer wieder in gesellschaftliche Diskussionen einbringt.

Wenn man das Buch mit dem Ziel liest, ein klares Bild über die politische Programmatik der neuen Bewegung zu bekommen, wird man enttäuscht sein. Die Gespräche mäandern durch eine Landschaft von Themen, halten sich nicht lange mit Details auf und genießen es, auf Umwege zu gehen. Philosophische Bezüge, Episoden aus dem Leben der Beteiligten werden eingestreut und tragen zur leichten Lesbarkeit bei, der systematischen Darstellung der Ideen der Bewegung sind sie aber abträglich.

Wie Grillo an Themen herangeht, lässt sich aber erkennen. Im Kapitel „Organisierte Unordnung“ plädiert er für ein Weniger beim Regulieren des Straßenverkehrs. Aus diesem Chaos würde sich eine Ordnung ergeben, die die Menschen selbst organisieren; „In Neu-Dehli läuft es so, auch in Neapel in vielerlei Hinsicht.“ (S. 29) Diese Selbstorganisation ist überlegen, meint Grillo in Bezug auf die Abfallentsorgung und bringt damit auch ein Argument für direkte Demokratie ins Spiel. Im Aostatal sei so eine teure Müllpyrolyseanlage verhindert worden und im Gegenzug Mülltrennung und ein „anderes industriewirtschaftliches Konzept“ eingeführt worden. (S. 98)

Grillo verweigert sich den klassischen Bezeichnungen des politischen Geschäfts. „Stimmt, eine Idee kann gut oder schlecht, aber nicht rechts oder links sein.“ (S. 109) An anderer Stelle nimmt er Stellung zu einer Diskussion, die er mit Rechtsextremisten hatte, die versuchten ein Nahverhältnis zwischen ihnen und Grillo herzustellen. Die Wiedergabe dieses Gesprächs sei verkürzt gewesen, so Grillo.

Persönliche Episoden sind jedenfalls interessant für alle, die Italien verstehen wollen. Zum Beispiel diese: Grillo wollte für einen Auftritt im Fernsehen auf seine Gage verzichten, der staatliche Sender lehnte ab. Nur minimal weniger könne man zahlen, denn sonst gerate man unter Geldwäscheverdacht. (S. 196)

Grillo, Beppe; Casaleggio, Gianroberto; Fo, Dario: 5 Sterne. Über Demokratie, Italien und die Zukunft Europas. Stuttgart: Tropen, 2013. 240 S., € 16,95 [D], 17,50 [A], sFr 23,90 ; ISBN 978-3-608-50324-1